Das Ende des dualen Währungssystems in Kuba (Teil 1)

Schon seit Jahren bezweckt die kubanische Regierung, das System der zwei Währungen abzuschaffen. Im Oktober dieses Jahres wurde nun verkündet, dass es einen konkreten Zeitplan gebe, der nächstes Jahr mit der Unternehmensreform anfängt und danach auch private Konsumenten betrifft. Anlässlich der Komplexität des Themas, wird der Artikel von Gastautor Maximilian Vorast in zwei Teile aufgeteilt. Teil 1 soll einen kompakten Überblick zur Entstehung und die Struktur des dualen Währungssystems schaffen und so die Schwierigkeit der anstehenden Reformen verständlich machen. Teil 2 wird dementsprechend den aktuellen Entwicklungen sowie Chancen und Risiken einer Vereinigung beider Währungen gewidmet sein.

Die Entstehung des dualen Systems

Will man die historische Entstehung des dualen Währungssystems nachvollziehen, muss man sich zunächst die grundsätzlichen Fakten des Status Quo vor Augen führen: Neben dem Peso Cubano (CUP), der ursprünglichen nationalen Währung, existiert in Kuba heute noch der Peso Convertible (CUC). Während der CUP lediglich in CUC umgetauscht werden kann, ist der CUC innerhalb Kubas frei konvertibel. Dabei ist der CUC an den Wechselkurs des US-Dollars gebunden, während eine Einheit des CUC für 25 CUP gekauft werden kann. Für einen CUC erhält man hingegen 24 CUP.
Ursprünglich als Notlösung für die ökonomischen Verwerfungen der Sonderperiode gedacht, ist das duale Währungssystem seit nunmehr 20 Jahren elementarer Bestandteil der kubanischen Wirtschaftsstruktur geworden. Wie ist es hierzu gekommen?

Zweifelsohne konnte man Kuba in den 1980er Jahren als „durchglobalisierte“ Volkswirtschaft bezeichnen. Die Arbeitsteilung innerhalb des RGW sorgte für eine fortgeschrittene Spezialisierung in vielen Industriezweigen. Über 700 Produkte wurden aus den sozialistischen Staaten zu guten Konditionen geliefert, während die industrielle Basis selbst in die Zuliefererketten des RGW bewusst integriert wurde – eine ökonomische Entscheidung und die logische Konsequenz aus Kubas Beitritt zum RGW und der damit erfolgten Übernahme weiter Teile des sowjetischen Planungsmodells während der 70er Jahre.

Wirtschaftshilfe der UdSSR

Grafik 1: Wirtschaftshilfe der UdSSR an Kuba (1960 – 1990). (Quelle: „The Cuban Economy„).

Ein weiterer Bestandteil der wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen waren die immensen sowjetischen Subventionen der kubanischen Wirtschaft (Grafik 1). So wurde beispielsweise Rohöl in großen Mengen bereitgestellt, in Kuba weiterverarbeitet und reexportiert – 40% der Deviseneinnahmen stammten Ende der 80er Jahre aus diesen Geschäften. Auch bei Produkten der Zuckerindustrie konnte sich das Land stets auf feste Abnahmemengen und Preise über Weltmarktniveau verlassen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall der Abnehmer eigener Produkte erwarteten die wenigsten Beobachter, dass das sozialistische Kuba die Milleniumfeier erleben würde. Die ökonomischen Auswirkungen sollten sie in ihrer Annahme bestärken: Zwischen 1989 und 1993 sind nicht weniger als 80% der Importkapazitäten schlicht ausgeblieben, fast 85% der Konsumgüter enthielten noch Anfang der 90er Importeile. In der Folge konnte nichts mehr exportiert werden, viele Industriebetriebe konnten nicht produzieren, Lebensmittel wurden knapp – die sogenannte Sonderperiode (span.: „Periodo Especial“), welche offiziell noch immer nicht für beendet erklärt wurde, ist heute die ökonomisch prägende Erfahrung vieler Kubaner. Die meisten industriellen Sektoren haben sich von diesem Schock nicht mehr erholt.

Die Knappheit an Konsumgütern des Grundbedarfes nahm während der Hochphase der Sonderperiode (1993 – 1999) stetig zu, die Preise blieben dennoch konstant. Diese Form der „sozialistischen Inflation“ zeigte sich an auch durch den Liquiditätsüberhang der meisten Privathaushalte, die zwar keiner produktiven Arbeit nachgehen konnten, jedoch weiterhin Löhne und subventinierte Lebensmittel erhielten. Um die Löhne auszubezahlen wurde die Geldschöpfung immens ausgeweitet. So stieg die Geldmenge bis 1993 von vormals 4,2 Milliarden CUP auf 11 Milliarden CUP an. In weniger als 4 Jahren wertete der inoffizielle Wechselkurs des CUP von 1 Dollar : 5-7 CUP auf 1 Dollar : 100 CUP ab (teilweise wurde ein Dollar sogar für 130 CUP auf dem Schwarzmarkt gehandelt).

http://www.ascecuba.org/publications/proceedings/volume19/pdfs/dreher.pdf

Grafik 2: Wechselkurs CUP zu US Dollar (1990 – 2004). (Quelle: „Monetary Policy in Cuba„).

In Folge dessen entwickelte sich auf dem Schwarzmarkt der Dollar zum wichtigsten Zahlungsmittel, da er weiterhin als stabiles Wertaufbewahrungsmittel fungieren konnte. Insgesamt waren so schätzungsweise über 500 Millionen Dollar außerhalb des regulären Geldsystems im Umlauf. Um diese Devisen volkwirtschaftlich sinnvoll nutzen zu können wurde 1993, nach anfänglichem Zögern, der Devisenbesitz legalisiert und Teile des Schwarzmarktes z.B. durch Bauernmärkte und einen kleinen Privatsektor institutionalisiert. Dadurch konnte der Tourismussektor als einer der Hauptdevisenbringer stark ausgebaut werden. Im Jahr 1994 wurde schließlich der Peso Convertible (CUC) geschaffen, der zunächst nur als „Touristenwährung“ in sehr begrenzter Zirkulation verwendet wurde.

Diese Maßnahmen konnten die Währungsverwerfungen stoppen, da alle devisenbezogenen Güter nun außerhalb des staatlichen Bepreisungssystem zu „tatsächlichen Werten“ gehandelt werden mussten. Der CUP pendelte sich derweil auf seinem heutigen Wechselkurs ein. Als weitere wichtige Meilensteine können sowohl die Eröffnung eines flächendeckenden Wechselstubensystems (CADECA) 1995, als auch die Gründung der Zentralbank 1997 gesehen werden. Auf volkswirtschaftlicher Ebene führte die Dollarisierung ungewollt zu einer Fragmentierung der Wirtschaft: Einige Betriebe können ihre Devisen eigenständig erwirtschaften, während andere weiterhin von Devisenzuteilungen abhängig sind. Um diese Struktur planerisch abbilden zu können und beide Zirkulationsspähren zu integrieren, wurde der offizielle Wechselkurs der 80er Jahre von 1 Dollar zu 1 CUP für Transaktionen zwischen Staatsbetrieben und kubanischen Banken bis heute weitergeführt. Ein komplexes System aus verschiedenen Transaktionen und internen Verrechnungskursen ist seitdem entstanden.

Abschöpfung der Devisen oder Steigerung der Exporte?

Eine der weitreichendsten Folgen ist die Exportschwäche der kubanischen Betriebe: Macht ein Devisenbetrieb 1 Dollar Umsatz so erhält er bei kubanischen Banken 1 CUP dafür. Ein denkbar schlechter Kurs, der aus einem im Dollarsektor rentablen Betrieb einen unrentablen kreiert. Der Anreiz zur Ausweitung der Exporte ist dementsprechend gering. Technisch wurde das Abschöpfen der Devisen u.a. auch durch die bis heute existierenden staatlichen Vermittlungsbehörden für Arbeitskräfte umgesetzt. Verdient ein Arbeiter in einem dieser Betriebe 500 CUP im Monat so muss der Betrieb an jene Agenturen 500 Dollar überweisen, das gilt auch für die zahlreichen Joint-Venture Betriebe, die in den 1990er Jahren entstanden. Im Gegensatz hierzu ist der Anreiz Importe durch härtere Pläne einzusparen gering: Die Betriebe müssen lediglich 1 CUP aufwenden um Güter im Wert von 1 Dollar zu erwerben.

An dieser Grundproblematik änderte auch der 2004 initiierte Ausbau des CUC zur landesweit vorherrschenden Devisenwährung nichts. Der Schritt wurde mit dem steigenden Druck der USA auf internationale Banken, welche im Zusammenhang mit Kuba standen, begründet. Der CUC wurde dabei an den Kurs des Dollars gebunden (von 2005 bis 2011 wurde der CUC mit einem Kurs von 1,08 Dollar zu 1 CUC jedoch leicht aufgewertet). Zwar konnte die kubanische Regierung durch den CUC die Auf- und Abwertung einfacher steuern und erhielt einen zentralisierten Überblick und weitreichende Kontrolle über die laufenden Transaktionen, die nun im Umtausch Dollar zu CUC umgesetzt werden mussten. Jedoch änderte sie nichts am Grundsatz der 1:1 Verrechnung zwischen nunmehr dem CUC und dem CUP. Auch wenn der Besitz des US-Dollars weiterhin erlaubt war, mussten alle Dollareinlagen auf kubanischen Banken in CUC gewechselt werden. Der Kauf des CUC beinhaltete eine Gebühr von 10%, was weitere Deviseneinahmen brachte.

Der bestehende CUC Sektor hat weitreichende Auswirkungen auf das tägliche Leben der Kubaner. Fast alle Löhne werden in CUP ausbezahlt, wobei der Durchschnittslohn heute etwa 500 CUP (ca. 20 US-Dollar) beträgt. Dieser geringe Lohn ist durch einen hohen Grad an subventionierten Gütern des Grundbedarfes ausreichend zum Überleben. Da jedoch beinahe alle hochwertigen Importkonsumgüter lediglich in CUC erhältlich sind, ist der Anreiz ein CUC Einkommen zu erwirtschaften immens. Dies führt zu einer Fehlallokation von Fachkräften: Ärzte arbeiten freiwillig als Hotel-Portier, da sie an einem Abend mehr Trinkgeld erhalten, als sie in einem Monat in ihrer Praxis verdienen könnten. Ebenso stehen pragmatische CUC Prämien in vielen Betriebe notgedrungen auf der Tagesordnung.

Das duale Währungssystem hat so die soziale Ungleichheit in nicht gekannten Ausmaßen verstärkt: 40% der Bevölkerung haben keinen Zugang zum CUC während viele Personen Auslandsüberweisungen erhalten und so ohne entsprechenden Arbeitseinsatz für kubanische Verhältnisse fürstlich leben – ein sowohl ökonomisch als auch politisch untragbarer Zustand der überdies hinaus ein Haupthemmnis der volkswirtschaftlichen Entwicklung des Landes darstellt und nun überwunden werden soll.

Lesen Sie in Teil 2: Welche Pläne zur Vereinigung der beiden Währungen fokussiert die kubanische Regierung? Welche Chancen und Risiken bestehen in der Vereinigung des Peso Nacional und des Peso Convertible?

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Ein Gedanke zu „Das Ende des dualen Währungssystems in Kuba (Teil 1)

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