Die letzte Hürde

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Die Stille auf diesem Blog in den letzten Wochen hat ihre Gründe. Statt eines Artikels möchte ich als Antwort an dieser Stelle einen Auszug aus meinen persönlichen Aufzeichnungen wiedergeben.

Auf den Tag genau vor drei Monaten berührten meine Füße nach dreijähriger Abwesenheit wieder kubanischen Boden. Ich kam dieses Mal nicht nach Havanna um die Schönheit ihrer Altstadt zu bestaunen, auch sollte ich nicht mit der Cohiba im Mundwinkel die Stadtstrände genießen. Weder hatte ich Zeit zu reisen noch wohnte ich in einem der Sternehotels wie die meisten derer, die sich dieses Land zum Urlaubsdomizil erkoren haben. Ich kam in Kuba mit einem Touristenvisum an und wurde wie geplant bald Student der Universität von Havanna. Nicht einer von ihnen, doch auch kein Tourist mehr: Ein Yuma con carnét, ein Ausländer mit kubanischem Personalausweis.

Seitdem sind einige Wochen vergangen und ich habe manch unbequeme Anpassung durchmachen müssen, die den Touristen erspart bleibt, da die meisten hier nur wenige Tage völlig fern der kubanischen Realität in abgeschiedenen Hotelbunkern verbringen und über den puren Genuss hinaus nichts in diesem Land zu erledigen, keine festen Termine wahrzunehmen haben. Doch wer hier als Ausländer lebt, studiert oder arbeitet, also einen Alltag zu bestreiten hat, wird mit vielen Erfahrungen konfrontiert, auf die er sich unmöglich hätte vorbereiten können. Für mich gab es auf dem Weg in die enigmatische kubanische Lebenswirklichkeit viele Hürden zu nehmen und erst nach drei Monaten kann ich sagen, dass ich langsam angekommen bin.

Jeder der längere Zeit auf Kuba verbringt, erlebt hier einmal seine ganz persönliche Hölle. Auf dieser Insel der Extreme liegen Genie und Wahnsinn, Chaos und Ordnung, Schönheit und Tristesse so nah beieinander, sind geradezu organisch miteinander verwoben, dass es fast unmöglich scheint einen Tag zu erleben, ohne mindestens den entfernten Hauch dieser sonderbaren Antipoden zu spüren. Für mich war von Anfang an klar, dass meine Zeit auf Kuba Entbehrungen mit sich bringen würde. Die Knappheit des Internets, welches man hier zu Fuß aufsuchen muss, zählt sicher zu den schwerwiegendsten der vorausgeahnten Einbußen. Ich wusste von Beginn an, dass ich bei vielen Dingen nicht mit der aus Europa gewohnten Zuverlässigkeit rechnen können würde, manchen Kampf mit der Bürokratie zu bestehen hätte und so einige müde Stunde in einer drückend langen Warteschlange verbringen sollte. All das war von Anfang an klar und hatte mich nur einige Wochen der Gewöhnung gekostet, da ich dieses Land nicht zum ersten Mal besucht und so einige Erfahrung bereits gemacht hatte. Doch keine Erkenntnis, die hier nicht täglich aufs Neue gegen die Widrigkeiten des Alltags verteidigt werden müsste, kein Genuss ohne vorangegangenen Verzicht! Und die größte aller Prüfungen haben mir hier die Tücken des digitalen Zeitalters auferlegt, das in diesem Land noch in den Kinderschuhen steckt.

Nachdem sich mein Laptop vor wenigen Wochen aus unerfindlichen Gründen für immer verabschiedet hat, wurde mir gestern zum dritten Mal seit meiner Ankunft das Handy geklaut. Durch den Verlust meines Laptops und ohne Mobiltelefon wurde ich mit aller Wucht und quasi über Nacht zurück in die 1990er Jahre geworfen. Mit der Konnektivität ging auch, zumindest für einige Zeit, meine Fähigkeit zu arbeiten verloren und ein Gedanke beherrschte mein Bewusstsein: Ohne Laptop, ohne Smartphone, kann ich weder mein Studium noch meine journalistische Tätigkeit sinnvoll fortsetzen, bleibt mir der Zugang zum Internet so gut wie versperrt, kann ich also in der Folge mein Leben in Kuba nicht gestalten. Denn das was meiner Zeit hier Sinn gibt ist nun einmal das Schreiben, das schriftliche reflektieren für mich und für andere. Ich brauche meinen Laptop als Werkzeug zur Fixierung meiner Gedanken genauso wie ein Maler den Pinsel benötigt, um sich verständlich zu machen. Weder auf das Schreibwerkzeug Laptop noch auf das Kommunikationswerkzeug Smartphone wollte ich verzichten, zumal sich beide im Fall eines Ausfalls notfalls ersetzt hätten. Umso drastischer wirkte sich auf mich jener unvorhergesehen zeitgleiche Verlust beider Geräte aus.

Dabei habe ich in den vergangenen drei Monaten viel gelernt. Ich habe gelernt wie schön es sein kann, sich ausreichend Zeit für andere Menschen nehmen zu können, die dauernde Erreichbarkeit aufzugeben, mehr denn je im hier und jetzt zu leben. Dass man in heißen Novembernächten dünn bekleidet auf der Terrasse sitzend eine H.Upmann rauchen und ein melancholisches Gefühl für den ausbleibenden Herbst empfinden kann. Ich habe auch gelernt, dass das Eröffnen einer kubanischen Handynummer Vierzig Dollar kostet und dem bürokratischen Aufwand nach eher dem Erwerb einer Eigentumswohnung gleicht, dass eine defekte Klospülung, ein mehrstündiger Stromausfall oder ein sich um Vierzig Minuten verspätender Bus noch lange keine echte Beeinträchtigung des Alltags darstellen, dass man auf die wirklich guten Dinge manchmal lange warten muss, dass man auch ohne Genuss satt werden kann und dass eiskaltes Wasser für so manch unfreiwilligen Spaziergang durch die schwüle Nachmittagshitze entschädigt. Ich habe gelernt früh aufzustehen um den Öffnungszeiten der Büros und Banken gerecht zu werden, die Coppelia nur nach Sonnenuntergang aufzusuchen um der täglichen Schlange zu entgehen, immer einen Peso für den Bus griffbereit in der Hosentasche zu verstauen, mit Taxifahrern spätnachts um den letzten Groschen für die Heimkehr zu verhandeln und am Malecón den traurigen Geschichten von verlorener Liebe und zerstörten Illusionen zu lauschen. Auch habe ich gelernt nicht alles für bare Münze zu nehmen was hier erzählt wird, keine Scheu vor fremden Menschen zu kennen und dennoch kein allzu großes Vertrauen in jene zu setzen, nur das nötigste mit nach draußen zu nehmen, Nachts auf der Mitte der dunklen Straße zu gehen und alles was mir lieb und teuer ist sicher zu verwahren.

Trotz all dieser Lektionen die mich Kuba in den vergangenen drei Monaten gelehrt hat, hatte ich die wichtigste bis heute noch nicht begriffen. Denn in eben jenen Momenten, in denen mich dieses Land in meiner notwendigen Anpassung zurückwarf, versuchte ich unentwegt gegenzuhalten. Wie ein Ruderer auf stürmischer See kämpfte ich immer wieder und mit aller Kraft gegen die mir in den Weg geworfenen Entbehrungen an und war versucht meinen Weg zurück ins 21. Jahrhundert zu bahnen. Dieser Kampf war es, der mich in den vergangenen Wochen viel Energie und vor allem Zeit gekostet hat. Als eines Nachts mein erstes Smartphone auf dem Heimweg geklaut wurde, besorgte ich mir keine zwei Tage später ein neues, in der Hoffnung, dass sich dieser Fall nicht mehr wiederholen würde. Doch der überfüllte Bus der Linie P9 lehrte mich wenig später, dass weder Zufall noch Glück auf meiner Seite zu stehen scheinen wenn es um den Erhalt meiner digitalen Helfer geht. Ich wollte unter keinen Umständen auf die angenehmen Vorzüge eines Smartphones verzichten, weder auf das immer griffbereite Wörterbuch, noch auf die BBC-App oder das umfangreiche Kartenmaterial, welches gerade in der ersten Zeit in Havanna für mich so bitter notwendig war. Einmal mehr beschloss ich also Einhundertfünfzig konvertible Pesos sowie einige Stunden meiner Zeit für das exakt gleiche Gerät auszugeben, das mir nun gestern abermals entwendet wurde.

Wo ich in den vorangegangenen Malen noch davon ausging, dass nur eine seltene Verquickung ungünstiger Umstände zum Verlust dieser Geräte hatte führen können, ist mir mittlerweile klar, dass mein Fehler ein systematischer war: Wer ein gutes Smartphone sein eigen nennt, geht damit Nachts nicht aus dem Haus. Der Luxus des Alkoholgenusses schließt den Luxus der Sicherheit aus. In Deutschland gewohnte Verhaltensmuster, wo Fremde nur selten wegen des Handys auf der Straße überfallen werden weil nur die wenigsten eine Verhaftung für ein gebrauchtes Mobiltelefon riskieren würden, scheitern an der kubanischen Realität.

Noch vor wenigen Tagen war ich darüber erstaunt, dass ein Bekannter der seit mehr als zehn Jahren hier als Journalist lebt und arbeitet, nur mit einem äußerst betagten und wertlosen monochrom-Handy durch die Straßen Havannas zieht, wo er doch von Berufs wegen ungern auf die komfortablen Funktionen eines modernen Mobiltelefons verzichten müsste. Das erinnerte mich an die Zeit meiner ersten Kubareise, 2009, als sogar in Havanna noch die wenigsten ein Handy besaßen. Im Vergleich dazu prägen Mobiltelefone heute das Straßenbild wie niemals zuvor und es ist kein Geheimnis, dass einige Kubaner ihr letzes Geld darauf verwenden sich ein modernes Smartphone zuzulegen welches sie sich eigentlich nicht leisten könnten, dessen Anschaffung jedoch mit einem gewissen Prestigegewinn verbunden ist. Und obschon nur ein Bruchteil des Funktionsumfangs moderner Smartphones auf Kuba praktisch nutzbar ist verleihen die horrenden Preise und die schiere Knappheit der Unterhaltungselektronik hierzulande eine besondere Fetischfunktion, die sie zur begehrten Ware und damit anfällig für Diebstähle jeglicher Art macht. In blinder Ignoranz dieser gefährlichen Begierden beharrte ich auf meiner Idee, den von zu Hause gewohnten Technisierungsgrad hier erhalten zu wollen, die Tatsache ignorierend, dass diese Denkweise notwendigerweise scheitern muss. Um nicht beklaut zu werden reicht es nicht, so zu tun, als besäße man wenig. Die Lösung muss sein, sich von jeglichem überflüssigen Besitz tatsächlich zu trennen und in letzter Konsequenz auch den Wunsch danach auszutilgen.

In Unkenntnis dieser Realitäten entschloss ich mich vor drei Monaten ebenfalls mein MacBook nach Kuba mitzunehmen um mir das Geld für einen billigen Zweitrechner zu sparen, in der Hoffnung, ein solches Gerät ließe sich hier genauso problemlos nutzen wie zu Hause. Es ist wahr, dass ich in diesem Falle dem Diebstahl und jeder offensichtlichen Beschädigung erfolgreich aus dem Weg gehen konnte – doch das allein war unzureichend, wie sich später herausstellen sollte. Über die Ursachen des plötzlichen und irreparablen Totalausfalls lässt sich nur spekulieren, doch immerhin gibt es zahlreiche Anhaltspunkte: Größere Spannungsschwankungen im Stromnetz sowie die fehlende Erdung der Steckdosen machen vielen elektronischen Geräten hier zu schaffen und haben schon so manchem Laptop den Akku gekostet. Und was die unbeständige Stromzufuhr nicht schafft, das besorgen Luftfeuchtigkeit und Hitze im Laufe der Zeit. Wenn dann das Unglück passiert ist, greift die Regel des umgekehrten Warenfetischs: Die gewöhnlichsten, billigsten, ältesten Geräte haben die größten Reparaturchancen, während es in ganz Kuba nur eine Handvoll Leute gibt, die unter großen Mühen die wenigen MacBooks des Landes am Laufen erhalten. Je teurer und ausgefallener ein Gerät, desto seltener ist es anzutreffen – und je seltener man hier ein Gerät antreffen kann, desto schwieriger und teurer seine Reparatur, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines irreparablen Defekts oder eines Diebstahls. Nur die billigsten, gewöhnlichsten, einfachsten Geräte überleben hier längere Zeit ohne irreparabel beschädigt oder geklaut werden zu können.

Nachdem ich diese für mich bittere Erkenntnis verdaut hatte war es an der Zeit, die Konsequenzen zu ziehen und meine geschätzten elektronischen Werkzeuge auf spartanischeres Niveau zurechtzustutzen. Statt eines MacBooks benutze ich einen gebrauchten Asus-Laptop, statt eines Smartphones ein zehn Jahre altes Nokia-Blockhandy. Die größten Herausforderungen in Kuba bestanden für mich nicht im Erlernen des Spanischen und auch nicht in der Umstellung meines Magens auf Reis und Bohnen. Weder das Klima noch das Transportsystem stellten mich vor unlösbare Schwierigkeiten, von Krankheiten und Unfällen wurde ich bisher verschont. Mein größtes Problem, meine persönliche Hölle, das war die völlige Aufgabe eines mir so vertraut gewordenen digitalen und vernetzten Lebensstils, der meine Generation in den letzten Jahren stärker geprägt hat, als wir uns selbst jemals eingestehen würden. Erst wenn wir akzeptieren, dass das Internet hier noch ein rar gesätes und von Unzulänglichkeiten geprägtes Luxusprodukt ist, wenn wir die häufigen Verbindungsprobleme weglächeln und den gewohnten Komfort eines Hausanschlusses vergessen während wir zusammen mit dutzenden anderen am Straßenrand sitzen und versuchen eine Website zu öffnen, erst wenn wir die Abwesenheit der Elektronikmärkte samt Herstellergarantien und Kundendiensten verschmerzen können und bereit sind für eine Handynummer frühmorgens Schlange zu stehen, kurz: wenn wir unsere Gewohnheiten ablegen und die kubanische Realität als die unsrige zu akzeptieren lernen – erst dann sind wir in der Wirklichkeit dieses faszinierenden Landes angelangt, haben die letzte Hürde genommen.

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