Fidel Castro übt Kritik an Obama-Rede in Havanna

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Fidel Castro meldete sich kurz nach dem historischen Obama-Besuch zu Wort (Quelle: Cubadebate)

Havanna. Kubas ehemaliger Staats- und Regierungschef (1959-2008), Fidel Castro, hat den Besuch des US-Präsidenten Barack Obama in Havanna kritisch kommentiert. „Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns etwas schenkt“, schrieb der 89-Jährige in einem Gastbeitrag für das Zentralorgan der regierenden Kommunistischen Partei, Granma, den amerika21 hier dokumentiert. In dem Essay mit dem Titel „Bruder Obama“ erinnerte Kubas Revolutionsführer an die Konflikte zwischen den USA und dem sozialistischen Karibikstaat.

Obamas versöhnliche Worte wies Castro mit Verweis unter anderem auf die weiterhin bestehende Blockade gegen die Karibiknation entschieden zurück. Manche Kubaner hätten wegen der Differenz zwischen den Ankündigungen und der realen Politik der USA während der Rede Obamas „einen Herzinfarkt erleiden können“, so Castro. Der US-Präsident hatte seine Zuhörer in Kuba dazu aufgerufen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es müsse nun ein neues Kapitel der guten Nachbarschaft mit den USA aufgeschlagen werden.

Castro zitierte Obamas Kommentare zur gemeinsamen Sklavereigeschichte der USA und Kubas. Die Ureinwohner, die in beiden Staaten mehrheitlich oder ganz umgebracht wurden, seien in der Vorstellung Obamas nicht vorgekommen, so Castro: „Er sagt auch nicht, dass die rassische Diskriminierung von der Revolution beseitigt wurde, dass die Rente und der Lohn aller Kubaner in Kuba beschlossen wurde, als Obama gerade zehn Jahre alt war.“ In Kuba sei auch „die verhasste und rassistische bourgeoise Gewohnheit“ abgeschafft worden, Handlanger zu beauftragen, um die schwarzen Landsleute aus den Erholungszentren zu werfen.

Castro verwies auch auf das politische und militärische Engagement Kubas während der antikolonialen Befreiungskämpfe in Afrika: „Das eigentliche Ziel unserer Solidarität war (es), Angola, Mosambik, Guinea Bissau und anderen unter der faschistischen Kolonialherrschaft Portugals stehenden Völkern zu helfen.“

Der Essay Castros ist Teil mehrerer kritischer Kommentare über den Obama-Besuch in Kuba, sowohl von kubanischen Akteuren also auch von ausländischen Beobachtern. So schrieb der uruguayische Journalist und ehemalige BBC-Korrespondent Fernando Ravsberg, Obama habe von einer „gefälligen Presse“ aus Kuba und dem Ausland nichts befürchten müssen: „Keinem Kollegen ist es in den Sinn gekommen, ob er die Finanzierung für die US-Propagandasender Radio und TV Martí einstellt oder die Praxis beendet, jedes Jahr Dutzende Millionen US-Dollar an Dissidenten zu überweisen.“ Zwar habe Obama die Arbeit der kubanischen Ärzte in anderen Staaten gelobt, so Ravsberg weiter: „Aber niemand hat ihn gefragt, ob die USA ihre Programme einstellen, um diese Ärzte mit Express-Visa zur Aufgabe der Arbeit und Emigration in die USA zu ermutigen.“

von Harald Neuber / Amerika21

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Nie verboten, nun aber gratis und live: Die Rolling Stones in Kuba

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Die Stones auf dem Gelände der „Ciudad Deportiva“ in Havanna (Quelle: Juventud Rebelde)

Havanna. Die britische Rockband Rolling Stones hat am Freitag vor hunderttausenden Fans ihr erstes Konzert im sozialistischen Kuba gespielt. Die Show fand gerade einmal drei Tage nach dem international viel beachteten Besuch von US-Präsident Barack Obama in Havanna statt und wurde von zahlreichen Medien direkt mit dieser Visite in Verbindung gebracht. „Wir wissen, dass es in der Vergangenheit schwer war, hier in Kuba unsere Musik zu hören. Aber hier sind wir“, zitierte die deutsche Nachrichtenagentur epd Bandleader Mick Jagger: „Ich denke, die Zeiten ändern sich.“ Englischsprachige Rockmusik war auf Kuba eine zeitlang geächtet, aber nie dauerhaft verboten, wie es in zahlreichen Kommentaren und Berichten hieß.

Allerdings provozierte das Konzert der britischen Rock-Stars in Kuba an anderer Stelle diplomatische Probleme. Wie die britische Tageszeitung „Mirror“ in ihrer Onlineausgabe berichtet, hatte Papst Franziskus offenbar versucht, das Konzert am Karfreitag zu verhindern, der in der katholischen Kirche als strenger Fast- und Abstinenztag begangen wird. In einem persönlichen Brief an die Stones hatte er gebeten, wenigstens erst nach Mitternacht zu beginnen, „um den Heiligen Tag zu vermeiden“. Die Bandmitglieder seien völlig verblüfft gewesen und hätten das Ansinnen höflich zurückgewiesen. Sie hätten ihren Fans den Auftritt fest versprochen, außerdem würden an diesem Tag auf der Welt auch andere große Konzerte stattfinden, hieß es zur Begründung.

Schon Stunden vor Beginn des kostenlosen Konzerts waren Zehntausende in die Ciudad Deportiva am Rande von Havanna gekommen, wie es in kubanischen Medien hieß. Veranstalter und Polizei sprachen von bis zu 500.000 Zuschauern. In einer Videobotschaft hatten sich die Rolling Stones vorab an die Fans auf der Karibikinsel gewandt. „Wir waren schon an so vielen unglaublichen Orten, aber dieses Konzert ist historisch für uns“, hieß es darin. Mit ihrem Auftritt in Havanna beendeten sie ihre „América-Latina-Olé-Tour.“

Das Konzert der Rolling Stones in Kuba ist der vorläufige Höhepunkt der Rock-Musik-Kultur in dem sozialistischen Inselstaat. Er markiert aber nicht das Ende eines angeblichen „jahrzehntelangen Verbots“ dieser Musik in Kuba, über das zahlreiche internationale Medien berichteten. Zwar war die kubanische Rockmusik in ihrer frühen Entstehungsgeschichte durch die engen Bezüge zu den USA nach der Revolution 1959 am stärksten von den Zäsuren in der Kulturpolitik betroffen. Diese Entwicklung gipfelte im sogenannten Grauen Jahrfünft, den ersten fünf Jahren der 1970er Jahre, als sich die führenden kubanischen Kulturinstitutionen an einer repressiven kulturpolitischen Linien der Sowjetunion orientierten. Bis dahin aber gab es noch Rockmusik auf Kuba, danach wieder.

Nach der Revolution Ende der fünfziger Jahre war die kubanische Musikszene noch integraler Bestandteil von internationalen Netzwerken, vor allem zwischen Havanna und New York sowie Miami. So bestand Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre eine vitale Rock’n’Roll-Szene. Bands wie die Hot Rockers oder Los Llópis waren darauf spezialisiert, US-amerikanische Hits auf Spanisch neu einzuspielen.

Angesichts der starken Ablehnung angloamerikanische Kultureinflüsse durch die offizielle Kulturpolitik lösten sich viele Bands im Laufe der sechziger Jahre allerdings auf. Neben Vorwürfen der „ideologischen Abweichung“ gegen Anhänger wurde die Musik schlichtweg nicht mehr in den staatlichen Medien gespielt. Eine Ausnahme stellt indes die 1961 gegründete Combo Los Zafiros dar, die mit einer Art kubanischen Doo Wop anhaltende Erfolge feierte.

Nach der repressiven kulturpolitischen Phase der siebziger Jahre kam es gegen Ende jenes Jahrzehnts und im Verlauf der achtziger Jahre wieder zu einem Erstarken der Rockbewegung. Eine der ersten kubanischen Rock-Gruppen, Síntesis, begann mit einer Mischung aus Jazz- und Rockelementen unter Verwendung von Yoruba-Gesängen. Die Band Gens nahm zunächst Rock-Versionen von Werken des Liedermachers Silvio Rodríguez auf. Auf Initiative von Vertretern des Genres wurde 1987 in der Casa de Cultura des Stadtteils Vedado von Havanna mit dem Patio de María ein fester Veranstaltungsort und Treffpunkt der Rockszene eingerichtet, der bis 2003 bestand. Parallel dazu nahm sich – wie später auch im Fall des Hip-Hop – die Kulturorganisation AHS des Genres an. Neben einem jährlichen Festival in Havanna werden seither entsprechende Events auch in anderen Landesteilen veranstaltet. Anders als der Hip-Hop ist der kubanische Rock damit nicht auf die Hauptstadt beschränkt, sondern findet sich in allen Teilen des Landes. Dies äußert sich auch in rund einem Dutzend regelmäßig erscheinender Fanzines, also Fan-Magazinen, die auf eigene Initiative und mit eigenen Mitteln herausgegeben werden.

Es gibt auch Bands, die mit ihrer Musik gegen das politische System protestieren. Die Punkrock-Gruppe Porno para Ricardo nutzt den Konflikt mit den sozialistischen Institutionen des Landes als Teil der Eigeninszenierung. Dazu gehören Titel wie Joder a un comunista oder Soy porno, soy popular – eine Anspielung auf den Werbespruch der Zigarettenmarke Popular (Soy cubano, soy popular). Dieser Haltung entsprechend sagte Bandleader Gorki Águila gegenüber dem antikubanischen US-Propagandaportal Martí Noticias, die Stones würden mit ihrem Konzert „das Regime stärken“.

Die Mehrheit der Kubanerinnen und Kubaner teilten diese Kritik aber offenbar nicht. Der Schriftsteller Leonardo Padura sagte, seine Generation habe die Stones und die Beatles im Verborgenen gehört. Nun seien hunderttausende bei dem Konzert, in dessen Publikum auch US-Schauspieler Richard Gere und Unterhändler der kolumbianischen Guerillaorganisation Farc gesichtet wurden, die in Havanna seit 2012 mit der Regierung von Kolumbien über einen Friedensschluss verhandeln. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, Granma, titelte mehrdeutig: „Cuba – una stone“. Auf Deutsch etwa: Kuba, ein Stein.

von Harald Neuber und Eva Haule / Amerika21

Kuba bereitet sich auf Konzert der Rolling Stones vor

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Seit Anfang März wird in der „Ciudad Deportiva“ die Bühne aufgebaut (Quelle: Juventud Rebelde)

Havanna. Für das am Freitag stattfindende Konzert der Rolling Stones in der kubanischen Hauptstadt Havanna laufen die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren. Rund eine halbe Million Zuschauer werden erwartet. Der Auftritt bildet den Abschluss der „Lateinamerika-Olé-Tour“, die die Band zuvor nach Mexiko, Kolumbien, Peru, Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile geführt hatte.

In einem der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina übermittelten Video grüßen die Rolling Stones ihre Fans: „Hallo Kuba! Wir sind sehr glücklich für euch zu spielen. Wir haben an vielen unglaublichen Orten gespielt, aber dieses Konzert wird für uns, und wir hoffen für euch ebenso, historisch sein. Danke, dass ihre uns in eurem wunderschönen Land empfangt, wir hoffen, euch alle am 25. in der Ciudad Deportiva zu sehen“, ist Sänger Mick Jagger auf Spanisch zu hören.

Die Organisation des Events sei eine große Herausforderung, sagte Osmani López Castro, Vizepräsident des kubanischen Musikinstitutes. Mit 60 Containern und einer Boeing 747 wurden über 500 Tonnen Equipment nach Kuba geschafft. 13 staatliche Behörden sind mit der Logistik rund um das Konzert beschäftigt. Bereits seit Anfang März wird die Bühne, die etwa 80 Meter lang, 56 Meter breit und 20 Meter hoch ist, in der Ciudad Deportiva aufgebaut. Zusätzlich werden auf dem Gelände zehn Leinwände installiert, außerdem eine aufwendige Lichttechnik für Filmaufnahmen. Das internationale Bühnentechniker-Team der Band arbeitet dabei mit kubanischen Kollegen zusammen.

Das Konzert soll um 20:30 (Ortszeit) beginnen und zweieinhalb Stunden dauern. Es könnte aber auch länger dauern, so López Castro, dies entscheide die Band. Man rechne damit, dass die ersten Fans aus dem ganzen Land bereits in der Nacht zuvor oder am frühen Morgen auf dem Gelände eintreffen, um sich einen guten Platz zu sichern. Auch werden tausende Zuschauer aus anderen Ländern erwartet, sagte López Castro weiter. „Wir haben die Bedingungen geschaffen, dass alle, die das Konzert besuchen möchten, dies tun und das Ereignis in einer angenehmen Atmosphäre genießen können“, versicherte der Funktionär. Der Eintritt ist frei.

Jugendliche wie Hansel Hernández, Christian Pereira und Kevin Parreño stört es nicht, dass sie ihr Sportgelände bis Samstag nicht nutzen können: „Es macht uns nichts aus, dass sie vorläufig unseren Platz übernommen haben. Das ist nur für die paar Tage. Die ‚Mikis‘ kommen mit ihrer Musik und wir werden sie genießen“, meinten sie gegenüber der Zeitung Juventud Rebelde.

Der Tour-Manager der Rolling Stones, Dale Skjerseth, sagte gegenüber der kubanischen Tageszeitung Granma, die Stones freuten sich sehr, nach Kuba zu kommen und „ihre Musik dem kubanischen Volk zu widmen“. Das Konzert am Freitag sei für die Gruppe „etwas ganz Besonderes“, es werde „einmalig“ werden. Die Stones würden ihre Klassiker spielen, aber es werde auch Überraschungen geben. Seit mehr als sechs Monaten bereite man die Sache vor und habe von den kubanischen Behörden jegliche Unterstützung erhalten. Ein Vorprogramm werde es nicht geben, der Abend gehöre allein den Rolling Stones und ihren Fans, so Skjerseth.

Der mehrfach preisgekrönte kubanische Chor „Entrevoces“ wird die Band mit 24 Sängerinnen und Sängern bei ihrem Stück „You can’t always get what you want“ begleiten, mit dem das Konzert beendet wird. Dies gab Digna Guerra, die Leiterin des Chors bekannt. Völlig überraschend habe ein Mitarbeiter der Stones sie vergangene Woche angerufen. Er habe die Partitur und einen Link zum Live-Mitschnitt des Stückes aus Bogotá geschickt. Sie habe den Song mit dem Chor einstudiert und nach einer Probeaufnahme seien beide Seiten übereingekommen, dass Entrevoces am Konzert teilnimmt.

Ob Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood sich in Kuba auch mit Vertretern aus der Politik treffen werden, ist nicht bekannt. In Argentinien waren sie zur Irritation vieler Fans einer Einladung des konservativen Präsidenten Mauricio Macri zu einem privaten Abendessen in seinem Landhaus gefolgt.

von Eva Haule / Amerika21

Obama-Besuch in Kuba zeigt guten Willen und tiefe Differenzen

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Barack Obama auf dem Revolutionsplatz in Havanna (Quelle: Granma)

Havanna. Im Rahmen seines gut zweitägigen Besuchs in Kuba ist US-Präsident Barack Obama am Montagmittag mit Kubas Staats- und Regierungschef Raúl Castro zusammengekommen. Beide Politiker trafen sich im Palast der Revolution in der Hauptstadt Havanna, um über den weiteren Verlauf des Mitte Dezember 2014 begonnenen Annäherungsprozesses zu sprechen. Vor Obama war Calvin Coolidge im Jahr 1928 als US-Präsident zu Besuch in dem Karibikstaat, der historisch eine schwierige Verbindung zu seinem Nachbarn USA hat. Die Vereinigten Staaten hatten sich 1898 in den spanisch-kubanischen Unabhängigkeitskrieg eingeschaltet und quasi die Rolle der Kolonialherrscher übernommen. Vor allem der kubanische Freiheitskämpfer und Nationalheld José Martí (1853-1895) warnte schon in den Jahren zuvor vor einer drohenden Vorherrschaft der USA in Lateinamerika und der Karibik. Nur einen Tag vor seinem Tod schrieb er in einem Brief über die USA: „Ich habe im Monster gelebt und kenne sein Inneres.“ Martí nahm damit Bezug auf seine Exilzeit in New York.

Politisch umso wichtiger war daher nun die Würdigung Martís durch Obama. Der US-Präsident legte am Denkmal am Platz der Revolution in Havanna ein Blumengesteck nieder. Martí ist in Kuba und über die Landesgrenzen hinaus bis heute ein Symbol für den Kampf um nationale Souveränität. Nach der Revolution von 1959 wurde er zu einem wichtigen Bezugspunkt des kubanischen Sozialismus. Allerdings ist das Erbe des Unabhängigkeitskämpfers auch umkämpft: Diktator Fulgencio Batista ließ 1953 zum 100. Geburtstag Martís einen bis heute umstrittenen Film über den Freiheitskämpfer produzieren und die USA haben ihre wichtigsten Propagandasender gegen Kuba nach Martí benannt.

Am Montag versuchten Obama und Castro diese Differenzen zu überspielen. Sie trafen auch nicht das erste Mal aufeinander. Die erste Begegnung fand im Dezember 2014 bei der Beerdigung Nelson Mandelas in Südafrika statt. Im April 2015 kamen sie in Panama beim Amerika-Gipfel zu einem Gespräch zusammen, wenige Monate später dann noch einmal am Rande der UN-Vollversammlung. Die Annäherung fand allerdings auch auf Druck der lateinamerikanischen Staaten statt: Viele Staats- und Regierungschefs der Region hatten mit einem Boykott des von den USA organisierten Amerika-Gipfels in Panama gedroht, wäre Kuba weiterhin ausgeschlossen worden.

Kuba fordert als nächsten Schritt eine vollständige Aufhebung der wirtschafts- und handelspolitischen Blockade der USA. Die sozialistische Regierung pocht auch auf die Rückgabe des seit 1903 unter US-Kontrolle stehenden Stützpunktes in Guantánamo. Obama hat indes die Menschenrechtslage in Kuba angesprochen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz wies Castro den Vorwurf zurück, es gebe politische Gefangene auf Kuba. „Gib mir die Liste der politischen Gefangenen, damit sie freigelassen werden“, sagte er auf die entsprechende Frage eines Journalisten des US-Senders CNN. Zuvor waren mehrere Systemgegner bei Protesten gegen den Obama-Besuch kurzzeitig festgenommen worden.

Auch international traf der Besuch Obamas auf großes Echo. Evo Morales, Präsident Boliviens, forderte Obama bei einer Pressekonferenz auf, die Blockade gegenüber Kuba zu beenden und das Gebiet des Militärstützpunktes Guantánamo an Kuba zurückzugeben. Geschehe dies nicht, sei der Besuch Obamas eine reine Polit-Show. Die Aufhebung der Blockade würde das Ende des Kalten Krieges zwischen beiden Ländern bedeuten und die Rückgabe von Guantánamo das Ende des US-Kolonialismus.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, ließ durch seinen Pressesprecher erklären, dass jeder Schritt, der die Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba verbessere, willkommen sei. In Kuba war der Besuch des US-Präsidenten ein wichtiges Gesprächsthema. Auf Nachfrage von amerika21 in Havanna sagte der Rentner Andrés Montes (60): „Ich bin glücklich, dass Obama kommt und sie die Blockade lockern.“ Das kubanische Volk habe über 50 Jahre unter der Blockadepolitik gelitten. „Obama kommt jedoch sicherlich nicht, um den Sozialismus zu erhalten“, fügte der Mann an.

„Ich glaube nicht, dass Obama mit guten Absichten kommt“ sagte der 69-jährige Kubaner Jorge Rad. Der US-Präsident habe zunächst versucht, den Sozialismus mit der Blockade zu zerstören: „Nun versucht er es auf anderem Wege, indem er den kleinen Unternehmern hilft und die Klassenunterschiede verstärkt.“ Obamas Besuch werde Kuba wirtschaftlich helfen, politisch jedoch nicht, so sein Urteil.

Positiver äußerte sich der 18-jährige Schüler Luis Angel Peña. „Wir hoffen, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser werden und gehen davon aus, dass das auch gut für Kuba sein wird und die Kubaner bessere Möglichkeiten für ihre wirtschaftliche Entwicklung sowie eine bessere Zukunft bekommen“, sagte er.

Die meisten Reaktionen in den USA zur Reise von Obama nach Havanna waren positiv. In den Medien wird die vom Weißen Haus formulierte Begründung für den Annäherungsprozess wiederholt – Veränderungen in Kuba zu bewirken. Ein Beitrag von CNN titelte „Obama kommt in Kuba an; hofft, mit seinem Besuch Wandel einzuläuten“. Die Kritiker der Annäherungspolitik in den USA hingegen verweisen auf die mangelnden Bürgerrechte in Kuba. Doch diese Hardliner verlieren deutlich an Einfluss. Ihnen wird entgegengehalten, dass die jahrzehntelange bisherige Blockade-Politik keine Verbesserungen der Lage auf der sozialistischen Insel gebracht habe. Daher müsse eine neue Politik versucht werden.

Schließlich sei die Obama-Reise ähnlich historisch bedeutsam wie der Besuch von US-Präsident Richard Nixon in der kommunistischen Volksrepublik China im Jahr 1972 – und China habe sich in wirtschaftspolitischer Hinsicht sehr verändert. Der Besuch Obamas in Kuba könne die Dissidenten sowie die Privatwirtschaft und die damit wachsende Mittelschicht stärken.

Im Vorfeld war auch in den USA ausführlich über die provozierten Verhaftungen von Mitgliedern der Gruppierung Damen in Weiß berichtet worden, die wie andere Systemgegner von den USA eine härtere Gangart gegenüber der kubanischen Regierung fordern.

Von Marcel Kunzmann (Havanna), Edgar Göll, Kerstin Sack, Harald Neuber / Amerika21.

Obama kommt in Havanna an

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Barack Obama traf mit seiner Familie am Sonntagnachmittag in Havanna ein (Quelle: Reuters)

Zum ersten Mal seit 88 Jahren hat am gestrigen Sonntag ein amtierender US-Präsident in Havanna seine Füße auf kubanischen Boden gesetzt, wo Barack Obama am späten Nachmittag am Flughafen „José Martí“ unter strömendem Regen empfangen wurde. Mit der Twitter-Nachricht „Que bolá, Cuba?“ (deutsch: Was geht, Kuba?“) begrüßte Obama die sozialistische Insel zum Auftakt seines dreitägigen Staatsbesuchs.

Kubas Präsident Raúl Castro versäumte indes den US-Präsidenten persönlich in Empfang zu nehmen und schickte stattdessen Außenminister Bruno Rodríguez zum Flughafen, was vom US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump prompt als Respektlosigkeit gedeutet wurde. Neben seiner Frau Michel und den beiden Töchtern Sasha und Malia wurde Obama von einer Geschäftsdelegation nach Kuba begleitet.

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Unter strömendem Regen trifft Obamas extra eingeflogene Staatskarosse  in Havannas Altstadt ein

Nach dem Besuch der US-Botschaft ging es für die Obamas gegen 18 Uhr zu einem kurzen Altstadtbummel auf den „Plaza de la Catedral“ wo er unter anderem auf Havannas Erzbischhof Jaime Ortega traf. Der tropische Regen hinderte hunderte Schaulustige nicht daran ihren Weg zur Kathedrale zu bahnen, die jedoch frühzeitig abgesperrt wurde. Die Sicherheitsmaßnahmen waren umfangreich: Zahlreiche schwarze Limousinen mit kubanischer und US-amerikanischer Security folgten Obamas Staatskarosse, die wegen ihrer umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen auch „The Beast“ genannt wird und gleich im Doppelpack unterwegs war: einmal mit und einmal ohne Präsident Obama.

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Obama begrüßt die Nachbarn vor dem Paladar „San Cristóbal“ in Centro Habana

Abends fand sich die Obama-Familie im Paladar „San Cristóbal“ in Havannas Stadtteil Centro zum Abendessen ein. Bei der Ankunft begrüßte Obama die Nachbarn des Viertels, auch ein Foto mit der Belegschaft des Restaurants durfte natürlich nicht fehlen.

In Havanna war der Staatsbesuch Gesprächsthema Nummer eins auf der Straße. Die Stadt scheint den Atem angehalten zu haben. Zahlreiche Straßen bleiben noch bis Dienstag gesperrt, Busse fahren nur unregelmäßig und die allgemeine Transportsituation erinnert an längst vergangene Tage der Sonderperiode.

Von offizieller Seite hielten sich die Reaktionen in Grenzen. Zwar wird über den Besuch auch von kubanischer Seite ausführlich berichtet, jedoch wird dem Staatsgast deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als beispielsweise Papst Franziskus, der im September 2015 auf Kuba war. Stattdessen bekräftigte Havanna zuletzt das Bündnis mit Venezuela und sendete im Vorfeld von Obamas Ankunft deutliche Signale gen Washington. Nicht zufällig wurden deshalb in der Sonntagsausgabe der Zeitung „Juventud Rebelde“ neue Bilder von Fidel Castro veröffentlicht, der sich zu einem Gespräch mit Venezuelas Präsident Nicholas Maduro traf. Dieser weilt seit Freitag in Havanna, wo ihm der José-Martí-Orden, die höchste Auszeichnung des kubanischen Staates, verliehen wurde.

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Barack und Michel Obama mit der Belegschaft des Paladars „San Cristóbal“ am 20. März 2016

„Weder traue ich der Politik der Vereinigten Staaten, noch habe ich mit ihnen gesprochen“ war der einzige Kommentar, den Kubas historischer Revolutionsführer vergangenen Januar in Bezug auf die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen verlauten ließ. Für den heutigen Montag ist für Obama der offizielle Empfang im Revolutionspalast geplant, bei dem auch ein ausführliches Gespräch mit Kubas Präsident Raúl Castro geplant ist. Ein Treffen mit Fidel schlossen die USA bereits im Vorfeld aus.

Obamas Besuch in Havanna – das ist seine Agenda

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Eröffnung der US-Botschaft in Havanna am 20. Juli 2015 (Quelle: Latinpost.com)

Im Vorfeld des Besuchs von US-Präsident machten zahlreiche Gerüchte in Kubas Hauptstadt die Runde. Zuletzt veröffentlichte das Parteiorgan Granma eine ausführliche Aufzählung über alle gesperrten Straßen, die sich über eine komplette Seite erstreckte.

Mittlerweile sind erste Details zur geplanten Agenda beim Staatsbesuch bekannt geworden. So wird Obama am Sonntag, den 20. März in Havanna landen und seine Visite mit einem Rundgang durch die Altstadt Havannas beginnen, die zu diesem Zweck weitläufig gesperrt wird.

Am Montag wird das protokollarische Zeremoniell anstehen, bei dem unter anderem ein Treffen mit Kubas Präsident Raúl Castro geplant ist. Eine Kranzniederlegung am Denkmal des Nationalhelden José Martí ist ebenfalls vorgesehen. Den Tag darauf wird Obama im frisch sanierten Nationaltheater „Alicia Alonso“ auf Akteure der Zivilgesellschaft treffen und eine Rede halten, die live im kubanischen Fernsehen übertragen werden wird. Auch der Besuch eines Baseballspiels sowie ein Treffen an der Universität von Havanna sind geplant.

Darüber hinaus reisen mit Obama etwa 20 Mitglieder eine Kongress- und Wirtschaftsdelegation, die sich in entsprechenden Foren über den Stand der bilateralen- und Handelsbeziehungen austauschen werden. Ein Treffen mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro wurde vom Weißen Haus bereits im Vorfeld ausgeschlossen.

Vor Obama-Besuch: USA lockern Wirtschaftsblockade

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Vom 20. bis zum 22. März wird US-Präsident Barack Obama als Staatsgast in Havanna empfangen (Quelle: celebcafe.org)

Wenn Barack Obama am kommenden Sonntag in Havanna eintrifft, wird er in ein Land im Aufbruch reisen. Mit Hochdruck wird derzeit entlang des Malecón restauriert und gestrichen, Straßen werden neu geteert und Geschäfte frisch möbliert. Trotz der unaufgeregten Stimmung will sich Kubas Hauptstadt von ihrer besten Seite zeigen, wenn der erste Staatsbesuch eines amtierenden US-Präsidenten seit der Revolution 1959 bevorsteht. Im Vorfeld des zweitägigen Staatsbesuchs der vom 20. bis zum 22. März dauern wird, haben die Vereinigten Staaten weitere Maßnahmen beschlossen, die zur Lockerung der US-Blockade führen. Doch auch Kuba hat reagiert.

Bereits seit einigen Wochen machte das Gerücht die Runde, dass Obama „ein Geschenk“ für die Insel mitbringen würde. Am 15. März schließlich gab die US-Administration neue Maßnahmen bekannt, die einige entscheidende Löcher in die bald 60 Jahre alte Wirtschaftsblockade gegen die sozialistische Insel reißen dürfte. Die neuen Maßnahmen betreffen unter anderem den Wirtschafts-, Finanz- und Tourismussektor und könnten einen wichtigen Beitrag zur Aushöhlung der Blockade leisten:

  • So dürfen ab sofort US-Touristen auch auf individueller Basis nach Kuba reisen, sofern sie weiterhin einer der 12 legalen Reisemotive in Anspruch nehmen. Hierzu zählen Bildungsreisen, sogenannte „people-to-people“-Austausche, Pilgerfahrten und ähnliches. Rein touristische Reisen bleiben weiterhin verboten. Bisher konnten sich US-Amerikaner jedoch ausschließlich in organisierten Reisegruppen auf Kuba bewegen, diese Beschränkung fällt nun weg. Nachdem letztes Jahr gut 161.000 US-Amerikaner auf Kuba eintrafen (+77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) rechnen Branchenexperten mit einem zusätzlichen Schub von 20 bis 30 Prozent in der laufenden Saison.
  • Darüber hinaus ermöglichen die jüngsten Regelungen den kubanischen Banken und Unternehmen, ihren Außenhandel mit dem US-Dollar abzuwickeln. Dies dürfte die Handelsbeziehungen sowie den Zugang zu Krediten für Kuba in Zukunft erleichtern.
  • Kubaner können außerdem ab sofort in den USA Bankkonten eröffnen und damit Gehälter erhalten was vor allem dem Sportsektor zu Gute kommt. Bereits seit einiger Zeit können kubanische Sportler Verträge mit US-amerikanischen Partnern abschließen ohne ihre kubanische Staatsbürgerschaft zu verlieren, aufgrund der bisher gültigen Beschränkungen hatte diese Maßnahme jedoch kaum Auswirkungen.
  • US-Amerikaner dürfen ab sofort kubanische Produkte in Drittländern konsumieren, der Konsum innerhalb Kubas bleibt jedoch beschränkt während innerhalb der Vereinigten Staaten noch immer strenge Importrichtlinien gelten.
  • Zudem wurde vor wenigen Tagen der direkte Postverkehr zwischen beiden Ländern wieder aufgenommen sowie ein Abkommen über die Sicherheit der Marinegrenzen unterzeichnet.

Kubas Außenminister Bruno Rodríguez begrüßte die Schritte am Donnerstag in einer Pressekonferenz im Vorfeld des zweitägigen Staatsbesuchs. „Man kann zweifellos feststellen, dass es positive Maßnahmen sind, die in die richtige Richtung gehen, aber die praktische Anwendung wird zeigen, wie tief sie wirklich reichen.“ Dabei bekräftigte der Minister, dass die bisherigen Schritte keineswegs einer Aufhebung der Blockade gleichkämen. Noch immer dürfen kubanische Firmen nicht frei in die USA exportieren und touristische Reisen bleiben für US-Amerikaner noch immer illegal.

„Auch mit der neuen Maßnahme sind die US-Bürger weiterhin verpflichtet, die Aufzeichnung aller Kosten und all ihrer Aktivitäten aufzubewahren und man stellt die ungewöhnliche Forderung an sie, dass sie die ganze Zeit ihres Besuchs in Kuba nicht damit verbringen, den offenen Kontakt mit den Kubanern oder die Schönheiten Kubas zu genießen, sondern, so heißt es in der Regierungsentscheidung ausdrücklich, ‚die Unabhängigkeit der Kubaner zu fördern'“, so Rodríguez.

Kuba hingegen kündigte an, die 10-Prozentige Steuer auf den US-Dollar zu erlassen, die seit dem Jahr 2004 erhoben wird. Dennoch traut man in Havanna den neuen Maßnahmen noch nicht ganz. „In den nächsten Tagen werden wir versuchen, Transfers in Dollar mit Bankinstituten in Drittländern und in den Vereinigten Staaten selbst durchzuführen, um zu überprüfen, ob diese Transaktionen wirklich möglich sind“, sagte Rodríguez vor Pressevertretern. Und weiter: „Ich muss hinzufügen, dass, erst nachdem durch die internationale Bankverbindung unserer Banken bestätigt worden ist, dass die Nutzung des US-Dollars bei unseren Operationen möglich ist und diese Operationen völlig normal durchgeführt werden können, der Beschluss zur Aufhebung der Steuer in Kraft tritt. Solange es finanzielle Verfolgung gibt, so lange wird es diese Steuer geben; wenn diese tatsächlich beendet wird, wird auch die Steuer aufgehoben.“

Es bleibt noch viel zu tun im schwierigen Verhältnis zwischen den USA und Kuba. Mit seinem Besuch auf der Insel hat Barack Obama jedoch die einmalige Chance, 15 Monate nach Beginn der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ein neues Kapitel US-Kubanischer Geschichte zu eröffnen. Kubas Regierung hat ihre Bereitschaft zum Dialog mehrfach bekräftigt, dabei jedoch klar gestellt, dass sie sich jede Einmischung in innere Angelegenheiten verbittet.