»Was geht mit der Blockade?«

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»Das kubanische Volk wird siegen«, stand auf dem (hier nicht in voller Länge abgebildeten) Transparent der Demonstration in Havanna (Quelle: Cubadebate / jW)

Unter dem Motto: »Für Kuba: Einheit und Verpflichtung für unseren Sozialismus« fand am Sonntag in Havanna die weltweit größte Maikundgebung statt. Mehr als 600.000 Arbeiter, Schüler und Studenten aus allen Stadtbezirken der Hauptstadt fanden sich auch dieses Jahr wieder in den frühen Morgenstunden bei strahlendem Sonnenschein zur traditionellen Demonstration auf dem Platz der Revolution ein.

Die Kundgebung stand dieses Jahr unter dem Zeichen des 55. Jahrestags der Alphabetisierungskampagne und der Vorbereitung auf den 90. Geburtstag von Revolutionsführer Fidel Castro. Kubas Pädagogen bildeten die Spitze des Demonstrationszugs, mit großen Pappstiften ausgestattet symbolisierten sie den Einzug der Alphabetisierungsaktivisten 1961 in Havanna. Bei der Kampagne wurde damals mehr als 700.000 Kubanern vor allem aus dem ländlichen Raum das Lesen und Schreiben beigebracht.

Zu Beginn des Aufmarschs erklang Kubas Nationalhymne, die »Bayamesa«. Der Vorsitzende des Gewerkschaftsdachverbandes CTC, Ulises Guilarte de Nacimiento, grüßte in seiner Rede die progressiven Bewegungen der Welt und rief zum Kampf gegen den »parlamentarischen Staatsstreich« in Brasilien auf.

Auf der halbmondförmigen Tribüne vor dem José-Martí-Denkmal fanden sich neben Präsident Raúl Castro, dem Ersten Vizepräsidenten Miguel Díaz-Canel, anderen hochrangigen Politbüromitgliedern und Militärs auch die gut 200 geladenen internationalen Gäste ein, um die vorbeiziehenden Paradeteilnehmer zu grüßen. Ebenso anwesend waren die »Cuban Five«, jene fünf kubanischen Antiterroraufklärer, die nach jahrelanger Haft in den USA inzwischen wieder in ihrer Heimat leben.

Tausende Betriebskollektive brachten auf Transparenten ihren Zuspruch zu anstehenden Transformationen im staatlichen Sektor zum Ausdruck. Auf anderen Plakaten wurde die Rückgabe des US-Marinestützpunktes Guantanamo gefordert. Unübersehbar war auch das Bekenntnis zur antiimperialistischen Solidarität im Demonstration­szug. Die Arbeiter der Zuckerindustrie gaben mit ihren grünen Rohrzuckerstäben der Manifestation weitere Farbtupfer. Die US-Wirtschaftsblockade, unter der die sozialistische Insel seit über einem halben Jahrhundert leidet, wurde mit einer Anspielung auf den Staatsbesuch von Barack Obama Ende März angeprangert. »Qué bola Cuba?« (Was geht, Kuba?) hatte der US-Präsident damals auf Twitter gefragt, und bekam jetzt auf einem Transparent die Gegenfrage: »Obama, qué bola con el bloqueo?« (Obama, was geht mit der Blockade?)

»Wenn ich das hier sehe, kommen mir die Tränen«, sagte die gebürtige Thüringerin Sonja Thormeyer im Gespräch mit jW. Das gelte insbesondere, »wenn ich so sehe, was bei uns los ist«. Die 81jährige war als Mitglied der Solidaritätsorganisation Cuba Sí auf der Tribüne zu Gast und nahm bereits zum zehnten Mal an der Maidemonstration in Havanna teil. Die Parade sei in den vergangenen Jahren nicht kleiner geworden, stellte Thormeyer fest.

Obwohl Fidel Castro zuletzt im Jahr 2006 auf der Maidemonstra­tion anwesend war, prangten zahlreiche seiner jüngsten Zitate an den Wänden der Ministerien am Revolutionsplatz. Der 89jährige hatte zuletzt Ende April eine 20minütige Rede auf dem VII. Parteitag der regierenden kommunistischen Partei (PCC) gehalten. Auf der Parade wurde anlässlich des bevorstehenden 90. Geburtstags des »Comandante en Jefe« am 13. August auch ein Geburtstagsständchen für Castro gespielt, das von »Viva Cuba!«- und »Viva Fidel!«-Rufen begleitet wurde.

Von Marcel Kunzmann / jungeWelt

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Hollywood in Havanna

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Dreharbeiten für »Fast and Furious« in Havanna (Quelle: Reuters /jw)

Heulende Motoren und quietschende Reifen in Havanna: In dieser Woche haben in der kubanischen Hauptstadt die Dreharbeiten zum achten Teil des US-amerikanischen Blockbusters »Fast and Furious« begonnen. Der Hollywood-Produktion ist es zu verdanken, dass derzeit ein großer Teil des Straßennetzes der Metropole neu geteert wird. Es heißt, dass gut 80 Millionen US-Dollar an den Staat geflossen seien – unter der Bedingung, dass dieser Havannas Straßen fit für das inszenierte Autorennen macht.

Aber nicht nur das für Kuba ungewohnte Treiben erregt dieser Tage die Aufmerksamkeit der Habaneros, auch die Vorbereitungen für die wohl größte Maidemonstration der Welt laufen auf Hochtouren. Zahlreiche öffentliche Gebäude sind schon seit Tagen mit roten und blauen Fahnen geschmückt, die traditionellen Farben des kubanischen 1. Mai. Busfahrer kündigen mit Plakaten an den Windschutzscheiben ihre Teilnahme an der Demonstration an.

Eines der zentralen Themen der diesjährigen Kundgebung ist die Anhebung des Lohnniveaus. Wie in Europa ist dies auch in Kuba schon seit langem die zentrale Forderung der arbeitenden Bevölkerung. Der Durchschnittslohn von umgerechnet 31 Euro im Monat ist trotz zahlreicher Subventionen nach wie vor unzureichend, »um die Grundbedürfnisse der kubanischen Familie zu befriedigen«, wie Präsident Raúl Castro auf dem am 19. April zu Ende gegangenen Parteitag der Kommunistischen Partei (PCC) betonte. Die Gründe für diesen Zustand reichen vom niedrigen Wirtschaftswachstum über interne Strukturprobleme und der daraus resultierenden Devisenknappheit bis zur anhaltenden US-Blockade. Um die Kaufkraft zu stärken, wurden wenige Tage vor dem ersten Mai deutliche Preissenkungen für bestimmte Lebensmittel und Konsumgüter bekanntgegeben. So kostet ein Liter Sojaöl in den staatlichen Läden neuerdings 1,95 CUC (1,72 Euro) statt wie bisher 2,40 CUC. Auch die Preise für Hühnchen, Glühbirnen, Seife und andere Waren des täglichen Bedarfs wurden um teilweise über 50 Prozent reduziert.

Auf der Maidemonstration werden in diesem Jahr jedoch vor allem die Lehrerinnen und Lehrer im Mittelpunkt stehen. Anlass ist der 55. Jahrestag der Alphabetisierungskampagne 1961. Mit Fibeln und Laternen werden sie die Symbole der Bildungsoffensive präsentieren, mit der die sozialistische Insel in Rekordzeit zum ersten Land Lateinamerikas ohne Analphabetentum avancierte. Mehr als 100.000 Schüler und Studenten nahmen an der Kampagne teil, die im Januar 1961 begann. Gut 23 Prozent der erwachsenen Kubaner konnten damals nicht lesen und schreiben. Als die jungen Ausbilder im Dezember 1961 zu ihren Familien zurückkehrten, hatten über 700.000 Menschen lesen und schreiben gelernt. Aus diesem Anlass werden in ganz Kuba bis zu 500.000 Lehrer und Pädagogen die Märsche zum 1. Mai anführen.

Einer von denen, die am 22. Dezember 1961 bei einer Großkundgebung mit Fidel Castro in Havanna ihren Sieg über die Unwissenheit feierten, war Julián Gutierrez, der mit 14 Jahren als Freiwilliger an der Aktion teilgenommen hatte. Das sei eine der wichtigsten Kampagnen der Revolution gewesen, berichtet er im Gespräch mit junge Welt. »Es bedeutet mir sehr viel, dass die Parade diesem Anlass gewidmet ist«, sagt der heute 68jährige, der als Dozent an Kubas größter technischer Hochschule CUJAE arbeitet. Seine Frau Gilda Vega, die ebenfalls mit 14 als Alphabetisiererin unterwegs war, beschreibt die Kampagne rückblickend als die wichtigste Aufgabe ihres Lebens. »Wir haben gelernt, selbständig zu werden. Ich unterrichtete mit meiner Schwester zusammen in Camagüey, als diese zwölf Jahre alt war. Wir arbeiteten freiwillig auf dem Land und haben von dem eingenommenen Geld Uniformen für die Bauernkinder gekauft, die zum ersten Mal eine Schule besuchten«, erinnert sich die 69jährige Pädagogin, die Autorin zahlreicher Fachbücher ist.

Ulises Guilarte De Nacimiento, der als Vorsitzender des Gewerkschaftsdachverbandes CTC die in diesem Jahr unter dem Motto »Für Kuba: Einheit und Verpflichtung!« stehende Manifestation organisiert, betonte im Vorfeld auch die Bedeutung der internationalen Beteiligung an der Demonstration. »Wir werden unsere Beziehungen weiter ausbauen«, sagte der gerade in das Politbüro der KP Kubas gewählte Gewerkschafter der CTC-Zeitung Trabajadores. Mehr als 200 ausländische Gäste aus 34 verschiedenen Ländern werden dieses Jahr zusammen mit Raúl Castro auf der Tribüne am Platz der Revolution stehen. »Die Einheit gibt uns die Stärke für unsere Siege. Der 1. Mai in Kuba spiegelt das wider«, betonte Guilarte.

Von Marcel Kunzmann und Mareike Haurand / jungeWelt

VII. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas beendet

18/04/2016 - Havana, Cuba - Plenario del VII Congreso del Partido Comunista de Cuba con Raúl Castro. Ruz, su primer secretario. Foto: Ismael Francisco/ Cuba Debate

Der VII. Parteitag der PCC fand in Havannas „Palacio de las Convenciones“ statt (Quelle: Cubadebate)

Havanna. Mit den Klängen der „Internationale“ ist der 7. Parteitag der regierenden Kommunistischen Partei (PCC) am Montag in Kubas Hauptstadt Havanna zu Ende gegangen. Bei der viertägigen Tagung beschlossen die gut 1.000 Delegierten neben dem langfristigen Perspektivplan für das Jahr 2030 auch die Grundzüge des neuen Wirtschaftsmodells, welches den kubanischen Sozialismus ausmachen soll. Beide Dokumente wurden jedoch nur in vorläufiger Form auf den Weg gebracht und sollen nach Diskussionen in allen Bereichen der Gesellschaft von der Nationalversammlung ratifiziert werden.

Von den 2011 beschlossenen Wirtschaftsreformen wurden erst 21 Prozent umgesetzt, wie PCC-Generalsekretär Raúl Castro bei seiner Eröffnungsrede am Samstag feststellen musste. „Obsolete Mentalitäten“ und „nostalgische Gefühle“ für die Zeiten, als Kuba mit der Sowjetunion zusammenarbeitete, wurden von ihm dabei als Hauptgründe für die Verzögerungen genannt. Aus diesem Grund wurden die 313 Leitlinien zur Wirtschafts- und Sozialpolitik auf dem Kongress aktualisiert. Er betonte dabei die Kontinuität zum vorangegangenen Kongress. Es werde keine Restauration des Kapitalismus in Kuba geben. Sensibilität bei der Umsetzung der Wirtschaftsaktualisierungen werde gebraucht, um niemanden zurückzulassen und Fehler zu vermeiden.

Selbstkritisch bilanzierte Castro in diesem Kontext das gescheiterte Marktexperiment in Havanna und den Provinzen Artemisa und Mayabeque. Die freie Vermarktung von Lebensmitteln hatte in den vergangenen Monaten zu exorbitanten Preiserhöhungen geführt, weshalb die Reform wieder zurückgezogen werden musste. „Die ökonomischen Entscheidungen können keinesfalls ein Aufgeben der revolutionären Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit bedeuten“, betonte der Parteivorsitzende.

Castro gab in seiner Rede ebenfalls eine kurze Bilanz über die Wirtschaftsentwicklung des vergangenen Jahrfünfts. Kubas Bruttoinlandsprodukt wuchs in diesem Zeitraum um durchschnittlich 2,8 Prozent, was „nicht ausreichend“ sei, um die Bedingungen für einen nachhaltigen Anstieg des Lebensstandards zu schaffen. Dennoch gab es auch positive Ergebnisse, insbesondere der Tourismus- und Dienstleistungssektor konnte kräftig zulegen und auch die Priorisierung von Investitionen schreite voran. Während im Jahr 2011 lediglich 45 Prozent aller Investitionen in den produktiven Sektor, wie Industrie und Infrastruktur, geflossen sind, waren es im vergangenen Jahr gut 70 Prozent. Castro gab sich optimistisch, dass in den kommenden Jahren bessere Bedingungen für Investitionen und nachhaltiges Wachstum gegeben sein werden, um die strukturellen Probleme der kubanischen Wirtschaft in Angriff zu nehmen. Hierzu zählt neben den niedrigen Löhnen auch das System der Doppelwährung welches „schnellstmöglich“ beseitigt werden müsse.

18/04/2016 - Havana, Cuba - Plenario del VII Congreso del Partido Comunista de Cuba con Raúl Castro. Ruz, su primer secretario. Foto: Ismael Francisco/ Cuba Debate

Delegierte auf der Plenarsitzung des VII. Parteitags am 18. April 2016 (Quelle: Cubadebate)

In Bezug auf die Kommunikationspolitik von Staates und Partei erklärte der Regierungschef, dass noch immer nicht alle Formen der „Geheimniskrämerei“ (secretismo) verschwunden seien. Im Vorfeld des Parteitags hatte es großen Unmut über die fehlenden Informationen und Diskussionen über dessen Inhalte gegeben, insbesondere unter den Jüngeren und der Parteibasis. In jüngster Zeit würden Probleme wie Apathie, Entpolitisierung, Individualismus zunehmen und die Werte der Konsumgesellschaft einen großen Einfluss auf die Jugend ausüben, weshalb der Staat gegensteuern müsse.

Neuerungen gab es in Bezug auf die Kaderpolitik. Castro machte sich beispielsweise für die Förderung von Frauen und Menschen dunkler Hautfarbe in den Spitzenfunktionen von Partei und Staat stark. Jede Form der Diskriminierung müsse entschieden bekämpft werden. Alle Änderungen sollen in den nächsten Jahren in Form einer Verfassungsreform in die kubanischen Gesetze beziehungsweise ins Parteistatut aufgenommen werden.

Für spontane Ovationen beim Schlussplenum sorgte der Auftritt des Revolutionsführers Fidel Castro. In seiner kurze Rede beschrieb er seine Entwicklung hin zum Kommunisten und wies auf aktuelle globale Gefahren hin. Die kubanischen Kommunisten hätten den Beweis erbracht, dass „auf diesem Planeten die materiellen und kulturellen Güter produziert werden können, die die Menschen brauchen, wenn mit Hingabe und Würde gearbeitet wird“. Dieser Kampf müsse ständig weitergeführt werden. „Unseren Brüdern in Lateinamerika und der Welt soll übermittelt werden: Das kubanische Volk wird siegen“, so Fidel Castro. Bereits beim Parteitag 2011 besuchte er die Abschlusssitzung. Dort gab er auch seinen Posten als Generalsekretär offiziell auf. Auf dem 7. Parteitag hatte der 89-Jährige die Funktion eines Delegierten.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Vergangenes und historisches

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Silvio Rodríguez in Cerro (Quelle: eigene Aufnahme)

In den letzten Monaten haben sich die Ereignisse in Havanna förmlich überschlagen. Die alljährliche Buchmesse, eine substantielle Lockerung der Blockade, der historische Obama-Besuch, das nicht weniger historische Stones-Konzert und die ersten Kartoffeln des Jahres – alles innerhalb der letzten 8 Wochen. Einige persönliche Reflexionen aus der kubanischen Hauptstadt.

Buchmesse in Havanna

Vielleicht ist es gut chronologisch vorzugehen und mit einem kurzen Überblick über die Buchmesse anzufangen, die Mitte Februar stattfand. Seit nun 25 Jahren werden im Rahmen der Feria del Libro auf Havannas alter Hafenfestung zahlreiche Neuerscheinungen des internationalen und kubanischen Buchmarkts vorgestellt. Für Ausländer ist dies eine gute Gelegenheit, kubanische Literatur zu günstigen Preisen zu erwerben. Viele Bücher erscheinen hier nämlich nur in geringer Auflage (einige tausend bis zehntausend Exemplare) und sind aufgrund der stark subventionierten Preise schnell vergriffen. Auf der Messe gab es jedoch reichlich und so deckte ich mich ausgiebig mit Kalendern (á 10 Pesos), Postern und den Neuerscheinungen der kubanischen Wissenschaftsakademien ein.

Trotz der geringen Auflagen wird hierzulande nicht an der Qualität gespart. Einige neue Bücher erscheinen in Farbe, die Fotos öfter auch in Hochglanz. Pro Buch werden selten mehr als 30 Pesos fällig (weniger als 1,50 €). Trotz meiner Begeisterung fiel mir dabei auf, dass auch viel Ramsch feilgeboten wird. Ein großer Teil des Ausstellungsgeländes entfiel auf mir unbekannte lateinamerikanische Verlage, die hauptsächlich Fußballposter, Comiczeitschriften mit Spielzeugbeilage sowie pseudowissenschaftliche Lebensratgeber verkauften. Hier bestand dann auch der größte Andrang durch das einheimische Publikum. Man erzählte mir, dass dies eine neuere Entwicklung sei.

Silvio Rodríguez im barrio

Ende Februar folgte einer der kulturellen Höhepunkte meines bisherigen Kubaaufenthalts. Durch Mundpropaganda bekam ich die einmalige Gelegenheit den kubanischen Altmeister Silvio Rodríguez live zu erleben. Es ist schwierig die Bedeutung dieses Sängers zu ermessen wenn man nicht sein Publikum gesehen hat. Vielleicht lässt es sich so ausdrücken: Wäre die kubanische Revolution ein Film, so würde die Filmmusik von Silvio stammen. Er, der Mitgründer der Nueva Trova, der großen post-1959 Liedermacherbewegung, hat sich mit seinen poetischen Texten in den Herzen der Kubaner verewigt. Eine lebende Legende, die Generationen verbindet und die genau wie Fidel Castro fast immer nur mit dem Vornamen genannt wird.

Im Rahmen der Conciertos de barrio spielt Silvio heute vor allem in ärmeren Vierteln der kubanischen Hauptstadt. Ohne große Ankündigung verbreitet sich die Nachricht von seinen Auftritten wenige Tage vorher von Mund zu Mund, so dass hauptsächlich die Anwohner der Straße das Publikum stellen. In meinem Fall waren dies nicht mehr als 200 Personen des Stadtteils Cerro, etwa drei Blöcke südlich des Einkaufszentrums Carlos Tercero. Der alte Mann war mit jungen Künstlern angereist, die ihn auf dem Klavier und dem Schlagzeug begleiteten. Mit seiner Mütze erinnert er mich immer an einen Fischer oder einen Seemann, obschon seine sanfte Stimme nicht in dieses Bild passen mag.
Die Leute des Viertels warteten gespannt auf das erste Lied. Von der greisen Rentnerin bis hin zum fünfjährigen Jungen waren ganze Familienverbände vor der Bühne versammelt.

Der kleine abgesperrte Bereich davor war für die Kinder sowie die wenigen eingeladenen Gäste reserviert. Und dann wurde gesungen, nicht nur von Silvio, sondern von der ganzen Straße. Mir kam es vor, als ob fast jeder der Anwesenden seine Lieder auswendig konnte. „Silvio muss man erst lesen, bevor man ihn hören kann“, dachte ich mir, da ich nur Teile der metaphernreichen Texte verstand. „Wenn du ihn nicht verstehst, warum bist du dann überhaupt hier?“, scherzte ein Kubaner neben mir. „Die Poesie ist der schwierigste Teil jeder Sprache und die spanische Sprache ist unglaublich wortreich“, fügte er tröstend hinzu.

Wenig später erschien vor der Bühne ein Mann, der sich angeregt mit einem anderen mir bekannten Gesicht unterhielt. Beide waren unauffällig gekleidet und standen mitten unter den Nachbarn, die die Bühne umringten. Doch auf einmal begannen die Menschen über einen der beiden Männer zu reden, ohne jedoch das Konzert zu stören oder die Musik zu vergessen. Bücher wurden nach vorne gegeben, Zettel und Stifte. Es stellte sich heraus, dass Antonio Guerrero von den Cuban Five gekommen war. Ruhig, entspannt, fast wie nebenbei begann er die ihm zugereichten Gegenstände zu signieren. Kinder spielten Postbote und brachten die Autogramme zurück ins Publikum. Antonios Gesprächspartner entpuppte sich als Abel Prieto, ehemaliger Kulturminister und heute Berater Raúl Castros. Silvio sang ein Lied nach dem anderen. Das Publikum, sichtlich bewegt von der Szene, sang laut mit. Alle waren sie gekommen, vom „Held der Republik“ über den Säugling bis hin zur gebrechlichen Urgroßmutter, vereint von den Klängen der lebenden Legende.

Obama besucht Kuba

Kurz nachdem Barack Obama zu seinem historischen Staatsbesuch in Havanna gelandet war, begann es in Strömen zu regnen. „Kaltfront“, nennt man das hier. So als hätte sich die Insel gegen das Eintreffen des Gastes gewehrt. Tatsächlich war die Stimmung jedoch erstaunlich unaufgeregt. Große Veränderungen erwarteten die wenigsten, zumindest nicht auf kurze Sicht. Auch wenn Raúl Castro sich nicht persönlich zum Flughafen bemühte, wurde der Staatsgast mit Respekt empfangen.

Ich versuchte bei seinem Rundgang durch die Altstadt dabei zu sein, doch der Plaza de la Catedral war schon von weitem abgesperrt. Ohne Presseausweis keine Chance. Dennoch konnte ich einen Blick auf die heranrollende Delegation aus schwarzen Staatskarossen erhaschen, die teils extra für den Besuch eingeflogen wurden. So auch die Präsidentenlimousine, auch „The Beast“ genannt.

Im großen und ganzen verlief alles auf erwartbaren Bahnen. Standpunkte, Höflichkeiten und Kontroversen wurden in der aus den diplomatischen Vorgesprächen bereits bekannten Art ausgetauscht. Obama bemühte sich sichtlich, den richtigen Ton zu treffen. Seine Worte kamen gut an, er verwies auf Gemeinsamkeiten in der Geschichte beider Länder (z.B. die Sklaverei) und sprach Sätze wie: „Das Schicksal Kubas wird nur von den Kubanern bestimmt, von niemandem sonst.“ Dagegen kann niemand auf Kuba etwas einwenden.

Raúl Castro machte auf der gemeinsamen Pressekonferenz eine blasse Figur. Der rhetorisch geschulte Obama ging souverän mit den Fragen um, während Raúl anzumerken war, dass das Format einer live-Pressekonferenz mit ausländischen Reportern für ihn unbekanntes Terrain war. Das zeigte sich schon bei der Technik: Obama agierte ohne Schwierigkeiten mit Knopf im Ohr, während Raúl oftmals an seinen altbackenen Kopfhörern hantierte um die Fragen zu verstehen. Als ihm eine Frage auf spanisch gestellt wurde, setzte er die Kopfhörer nicht ab, weshalb der kubanische Journalist seine Frage noch einmal wiederholen musste.

Auf politische Gefangene angesprochen antwortete Raúl: „Gib mir eine Liste und sie sind noch vor Sonnenuntergang frei.“ Dieser Satz blieb bei vielen Kubanern hängen, die sich sicherlich etwas mehr jener Fidel’sche Rhetorik gewünscht hätten. Am Ende dann versuchte Obama den kubanischen Präsidenten zu umarmen, dieser wehrte jedoch ab und hielt stattdessen Obamas Arm nach oben, was sich zu einer ungewollt komischen Pose entwickelte. Nach über 50 Jahren Feindschaft verläuft eine solche Annäherung naturgemäß nicht ohne Rückschläge und Schwierigkeiten. Dennoch kam es zu keinem diplomatischen Eklat und der Besuch ging gut über die Bühne. Fertig eingetütet ist er nun bereit für die Geschichtsbücher.

Die Rolling Stones in Kuba

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Die Stones in Havanna (Quelle: eigene Aufnahme)

Wenige Tage nach dem Obama-Besuch gaben sich die „Rolling Stones“ in Havanna die Ehre. Zum Abschluss ihrer Lateinamerika-Tour versprachen die Briten bereits im Vorfeld, den Kubanern ihre gesamte Bühnentechnik im Wert ungefähr 20 Mio. US-Dollar zu überlassen. Das Konzert selbst war kostenlos, die sonst fällige Gage von bis zu 8 Millionen US-Dollar nahmen die Stones auf ihre Kappe.

Bereits in den frühen Morgenstunden fanden sich die ersten Fans auf dem Gelände der Ciudad Deportiva, Havannas großes Sport- und Veranstaltungsgelände, ein. Einige waren bis aus Europa hier hergekommen, da es angesichts der bei uns üblichen Ticketpreise für manche sinnvoller ist, ein kostenloses Stones-Konzert gleich mit der Kubareise zu kombinieren. Es wurden über eine halbe Millionen Menschen gezählt, wobei das Gelände mehr als genug Platz für alle bot.

Die Stimmung war super und trotz der ausdrücklichen bitte des Papstes fand das Konzert am Karfreitag statt. Auch Sympathy for the Devil, eines meiner Lieblingslieder, wurde gespielt. Obwohl Alkohol auf dem Gelände verboten war schafften nicht nur wir es, ausreichende Mengen Planchao (0,3l Rum im Tetrapack) auf den Platz zu schmuggeln. Als gegen 23 Uhr das letzte Lied zu Ende ging kollabierte der Verkehr erwartungsgemäß im Umkreis von gut einem Kilometer um das Gelände.

Was wird Geschichte?

Etwa zeitgleich mit Obama und den Stones kam auch die Kartoffel wieder nach Havanna. Monatelang nur auf dem Schwarzmarkt für 3 CUC pro Libra (250 g.) erhältlich, konnte man plötzlich dutzende LKWs mit prall gefüllten Kartoffelsäcken in die Hauptstadt eintreffen sehen. Kartoffeln sind nun wieder für einen Peso Cubano pro Libra zu erstehen, was die begehrte Knollenfrucht für alle erschwinglich macht.
Trotz aller Geschichtlichkeit der letzten Wochen waren die ersten Kartoffeln des Jahres für mich, wie auch für viele Kubaner, nicht unbedeutend. Tagelang bildeten sie das Gesprächsthema auf der Straße. Angesichts der drögen Reis- und Bohnendominanz sind wir froh, wieder häufiger herzhafte Kartoffelstücke auf unseren Tellern anzutreffen. Die allgemeine Situation auf den Bauernmärkten hat sich wieder entspannt, die Ernährungslage ist trotz anhaltendem Touristenboom einfacher geworden. Dafür ziehen die Privatvermieter nun ihren Nutzen aus der Knappheit an Touristenunterkünften. Die Preise steigen und fast niemand in Havanna will mehr einen Studenten für unter 300 CUC pro Monat aufnehmen.

Der erste Besuch eines US-Präsidenten seit 1959 hat Erwartungen geweckt, die Lockerung der Blockade dürfte die nicht enden wollende Hochsaison im Tourismus weiter beflügeln. Dennoch überwiegt bei den Kubanern eine abwartende Haltung, der Großteil der einseitigen Wirtschaftssanktionen ist noch immer in Kraft und die bisherigen Lockerungen haben noch kaum Einfluss auf den Alltag. Barack Obama und die Rolling Stones sind gekommen um Geschichte zu schreiben. Nach wenigen Tagen sind sie wieder gegangen. Was bleibt sind haufenweise günstige Kartoffeln. Doch davon wird man in keinem Geschichtsbuch lesen.

Obama-Besuch in Kuba zeigt guten Willen und tiefe Differenzen

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Barack Obama auf dem Revolutionsplatz in Havanna (Quelle: Granma)

Havanna. Im Rahmen seines gut zweitägigen Besuchs in Kuba ist US-Präsident Barack Obama am Montagmittag mit Kubas Staats- und Regierungschef Raúl Castro zusammengekommen. Beide Politiker trafen sich im Palast der Revolution in der Hauptstadt Havanna, um über den weiteren Verlauf des Mitte Dezember 2014 begonnenen Annäherungsprozesses zu sprechen. Vor Obama war Calvin Coolidge im Jahr 1928 als US-Präsident zu Besuch in dem Karibikstaat, der historisch eine schwierige Verbindung zu seinem Nachbarn USA hat. Die Vereinigten Staaten hatten sich 1898 in den spanisch-kubanischen Unabhängigkeitskrieg eingeschaltet und quasi die Rolle der Kolonialherrscher übernommen. Vor allem der kubanische Freiheitskämpfer und Nationalheld José Martí (1853-1895) warnte schon in den Jahren zuvor vor einer drohenden Vorherrschaft der USA in Lateinamerika und der Karibik. Nur einen Tag vor seinem Tod schrieb er in einem Brief über die USA: „Ich habe im Monster gelebt und kenne sein Inneres.“ Martí nahm damit Bezug auf seine Exilzeit in New York.

Politisch umso wichtiger war daher nun die Würdigung Martís durch Obama. Der US-Präsident legte am Denkmal am Platz der Revolution in Havanna ein Blumengesteck nieder. Martí ist in Kuba und über die Landesgrenzen hinaus bis heute ein Symbol für den Kampf um nationale Souveränität. Nach der Revolution von 1959 wurde er zu einem wichtigen Bezugspunkt des kubanischen Sozialismus. Allerdings ist das Erbe des Unabhängigkeitskämpfers auch umkämpft: Diktator Fulgencio Batista ließ 1953 zum 100. Geburtstag Martís einen bis heute umstrittenen Film über den Freiheitskämpfer produzieren und die USA haben ihre wichtigsten Propagandasender gegen Kuba nach Martí benannt.

Am Montag versuchten Obama und Castro diese Differenzen zu überspielen. Sie trafen auch nicht das erste Mal aufeinander. Die erste Begegnung fand im Dezember 2014 bei der Beerdigung Nelson Mandelas in Südafrika statt. Im April 2015 kamen sie in Panama beim Amerika-Gipfel zu einem Gespräch zusammen, wenige Monate später dann noch einmal am Rande der UN-Vollversammlung. Die Annäherung fand allerdings auch auf Druck der lateinamerikanischen Staaten statt: Viele Staats- und Regierungschefs der Region hatten mit einem Boykott des von den USA organisierten Amerika-Gipfels in Panama gedroht, wäre Kuba weiterhin ausgeschlossen worden.

Kuba fordert als nächsten Schritt eine vollständige Aufhebung der wirtschafts- und handelspolitischen Blockade der USA. Die sozialistische Regierung pocht auch auf die Rückgabe des seit 1903 unter US-Kontrolle stehenden Stützpunktes in Guantánamo. Obama hat indes die Menschenrechtslage in Kuba angesprochen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz wies Castro den Vorwurf zurück, es gebe politische Gefangene auf Kuba. „Gib mir die Liste der politischen Gefangenen, damit sie freigelassen werden“, sagte er auf die entsprechende Frage eines Journalisten des US-Senders CNN. Zuvor waren mehrere Systemgegner bei Protesten gegen den Obama-Besuch kurzzeitig festgenommen worden.

Auch international traf der Besuch Obamas auf großes Echo. Evo Morales, Präsident Boliviens, forderte Obama bei einer Pressekonferenz auf, die Blockade gegenüber Kuba zu beenden und das Gebiet des Militärstützpunktes Guantánamo an Kuba zurückzugeben. Geschehe dies nicht, sei der Besuch Obamas eine reine Polit-Show. Die Aufhebung der Blockade würde das Ende des Kalten Krieges zwischen beiden Ländern bedeuten und die Rückgabe von Guantánamo das Ende des US-Kolonialismus.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, ließ durch seinen Pressesprecher erklären, dass jeder Schritt, der die Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba verbessere, willkommen sei. In Kuba war der Besuch des US-Präsidenten ein wichtiges Gesprächsthema. Auf Nachfrage von amerika21 in Havanna sagte der Rentner Andrés Montes (60): „Ich bin glücklich, dass Obama kommt und sie die Blockade lockern.“ Das kubanische Volk habe über 50 Jahre unter der Blockadepolitik gelitten. „Obama kommt jedoch sicherlich nicht, um den Sozialismus zu erhalten“, fügte der Mann an.

„Ich glaube nicht, dass Obama mit guten Absichten kommt“ sagte der 69-jährige Kubaner Jorge Rad. Der US-Präsident habe zunächst versucht, den Sozialismus mit der Blockade zu zerstören: „Nun versucht er es auf anderem Wege, indem er den kleinen Unternehmern hilft und die Klassenunterschiede verstärkt.“ Obamas Besuch werde Kuba wirtschaftlich helfen, politisch jedoch nicht, so sein Urteil.

Positiver äußerte sich der 18-jährige Schüler Luis Angel Peña. „Wir hoffen, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser werden und gehen davon aus, dass das auch gut für Kuba sein wird und die Kubaner bessere Möglichkeiten für ihre wirtschaftliche Entwicklung sowie eine bessere Zukunft bekommen“, sagte er.

Die meisten Reaktionen in den USA zur Reise von Obama nach Havanna waren positiv. In den Medien wird die vom Weißen Haus formulierte Begründung für den Annäherungsprozess wiederholt – Veränderungen in Kuba zu bewirken. Ein Beitrag von CNN titelte „Obama kommt in Kuba an; hofft, mit seinem Besuch Wandel einzuläuten“. Die Kritiker der Annäherungspolitik in den USA hingegen verweisen auf die mangelnden Bürgerrechte in Kuba. Doch diese Hardliner verlieren deutlich an Einfluss. Ihnen wird entgegengehalten, dass die jahrzehntelange bisherige Blockade-Politik keine Verbesserungen der Lage auf der sozialistischen Insel gebracht habe. Daher müsse eine neue Politik versucht werden.

Schließlich sei die Obama-Reise ähnlich historisch bedeutsam wie der Besuch von US-Präsident Richard Nixon in der kommunistischen Volksrepublik China im Jahr 1972 – und China habe sich in wirtschaftspolitischer Hinsicht sehr verändert. Der Besuch Obamas in Kuba könne die Dissidenten sowie die Privatwirtschaft und die damit wachsende Mittelschicht stärken.

Im Vorfeld war auch in den USA ausführlich über die provozierten Verhaftungen von Mitgliedern der Gruppierung Damen in Weiß berichtet worden, die wie andere Systemgegner von den USA eine härtere Gangart gegenüber der kubanischen Regierung fordern.

Von Marcel Kunzmann (Havanna), Edgar Göll, Kerstin Sack, Harald Neuber / Amerika21.

Obama kommt in Havanna an

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Barack Obama traf mit seiner Familie am Sonntagnachmittag in Havanna ein (Quelle: Reuters)

Zum ersten Mal seit 88 Jahren hat am gestrigen Sonntag ein amtierender US-Präsident in Havanna seine Füße auf kubanischen Boden gesetzt, wo Barack Obama am späten Nachmittag am Flughafen „José Martí“ unter strömendem Regen empfangen wurde. Mit der Twitter-Nachricht „Que bolá, Cuba?“ (deutsch: Was geht, Kuba?“) begrüßte Obama die sozialistische Insel zum Auftakt seines dreitägigen Staatsbesuchs.

Kubas Präsident Raúl Castro versäumte indes den US-Präsidenten persönlich in Empfang zu nehmen und schickte stattdessen Außenminister Bruno Rodríguez zum Flughafen, was vom US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump prompt als Respektlosigkeit gedeutet wurde. Neben seiner Frau Michel und den beiden Töchtern Sasha und Malia wurde Obama von einer Geschäftsdelegation nach Kuba begleitet.

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Unter strömendem Regen trifft Obamas extra eingeflogene Staatskarosse  in Havannas Altstadt ein

Nach dem Besuch der US-Botschaft ging es für die Obamas gegen 18 Uhr zu einem kurzen Altstadtbummel auf den „Plaza de la Catedral“ wo er unter anderem auf Havannas Erzbischhof Jaime Ortega traf. Der tropische Regen hinderte hunderte Schaulustige nicht daran ihren Weg zur Kathedrale zu bahnen, die jedoch frühzeitig abgesperrt wurde. Die Sicherheitsmaßnahmen waren umfangreich: Zahlreiche schwarze Limousinen mit kubanischer und US-amerikanischer Security folgten Obamas Staatskarosse, die wegen ihrer umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen auch „The Beast“ genannt wird und gleich im Doppelpack unterwegs war: einmal mit und einmal ohne Präsident Obama.

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Obama begrüßt die Nachbarn vor dem Paladar „San Cristóbal“ in Centro Habana

Abends fand sich die Obama-Familie im Paladar „San Cristóbal“ in Havannas Stadtteil Centro zum Abendessen ein. Bei der Ankunft begrüßte Obama die Nachbarn des Viertels, auch ein Foto mit der Belegschaft des Restaurants durfte natürlich nicht fehlen.

In Havanna war der Staatsbesuch Gesprächsthema Nummer eins auf der Straße. Die Stadt scheint den Atem angehalten zu haben. Zahlreiche Straßen bleiben noch bis Dienstag gesperrt, Busse fahren nur unregelmäßig und die allgemeine Transportsituation erinnert an längst vergangene Tage der Sonderperiode.

Von offizieller Seite hielten sich die Reaktionen in Grenzen. Zwar wird über den Besuch auch von kubanischer Seite ausführlich berichtet, jedoch wird dem Staatsgast deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als beispielsweise Papst Franziskus, der im September 2015 auf Kuba war. Stattdessen bekräftigte Havanna zuletzt das Bündnis mit Venezuela und sendete im Vorfeld von Obamas Ankunft deutliche Signale gen Washington. Nicht zufällig wurden deshalb in der Sonntagsausgabe der Zeitung „Juventud Rebelde“ neue Bilder von Fidel Castro veröffentlicht, der sich zu einem Gespräch mit Venezuelas Präsident Nicholas Maduro traf. Dieser weilt seit Freitag in Havanna, wo ihm der José-Martí-Orden, die höchste Auszeichnung des kubanischen Staates, verliehen wurde.

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Barack und Michel Obama mit der Belegschaft des Paladars „San Cristóbal“ am 20. März 2016

„Weder traue ich der Politik der Vereinigten Staaten, noch habe ich mit ihnen gesprochen“ war der einzige Kommentar, den Kubas historischer Revolutionsführer vergangenen Januar in Bezug auf die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen verlauten ließ. Für den heutigen Montag ist für Obama der offizielle Empfang im Revolutionspalast geplant, bei dem auch ein ausführliches Gespräch mit Kubas Präsident Raúl Castro geplant ist. Ein Treffen mit Fidel schlossen die USA bereits im Vorfeld aus.

Vor Obama-Besuch: USA lockern Wirtschaftsblockade

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Vom 20. bis zum 22. März wird US-Präsident Barack Obama als Staatsgast in Havanna empfangen (Quelle: celebcafe.org)

Wenn Barack Obama am kommenden Sonntag in Havanna eintrifft, wird er in ein Land im Aufbruch reisen. Mit Hochdruck wird derzeit entlang des Malecón restauriert und gestrichen, Straßen werden neu geteert und Geschäfte frisch möbliert. Trotz der unaufgeregten Stimmung will sich Kubas Hauptstadt von ihrer besten Seite zeigen, wenn der erste Staatsbesuch eines amtierenden US-Präsidenten seit der Revolution 1959 bevorsteht. Im Vorfeld des zweitägigen Staatsbesuchs der vom 20. bis zum 22. März dauern wird, haben die Vereinigten Staaten weitere Maßnahmen beschlossen, die zur Lockerung der US-Blockade führen. Doch auch Kuba hat reagiert.

Bereits seit einigen Wochen machte das Gerücht die Runde, dass Obama „ein Geschenk“ für die Insel mitbringen würde. Am 15. März schließlich gab die US-Administration neue Maßnahmen bekannt, die einige entscheidende Löcher in die bald 60 Jahre alte Wirtschaftsblockade gegen die sozialistische Insel reißen dürfte. Die neuen Maßnahmen betreffen unter anderem den Wirtschafts-, Finanz- und Tourismussektor und könnten einen wichtigen Beitrag zur Aushöhlung der Blockade leisten:

  • So dürfen ab sofort US-Touristen auch auf individueller Basis nach Kuba reisen, sofern sie weiterhin einer der 12 legalen Reisemotive in Anspruch nehmen. Hierzu zählen Bildungsreisen, sogenannte „people-to-people“-Austausche, Pilgerfahrten und ähnliches. Rein touristische Reisen bleiben weiterhin verboten. Bisher konnten sich US-Amerikaner jedoch ausschließlich in organisierten Reisegruppen auf Kuba bewegen, diese Beschränkung fällt nun weg. Nachdem letztes Jahr gut 161.000 US-Amerikaner auf Kuba eintrafen (+77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) rechnen Branchenexperten mit einem zusätzlichen Schub von 20 bis 30 Prozent in der laufenden Saison.
  • Darüber hinaus ermöglichen die jüngsten Regelungen den kubanischen Banken und Unternehmen, ihren Außenhandel mit dem US-Dollar abzuwickeln. Dies dürfte die Handelsbeziehungen sowie den Zugang zu Krediten für Kuba in Zukunft erleichtern.
  • Kubaner können außerdem ab sofort in den USA Bankkonten eröffnen und damit Gehälter erhalten was vor allem dem Sportsektor zu Gute kommt. Bereits seit einiger Zeit können kubanische Sportler Verträge mit US-amerikanischen Partnern abschließen ohne ihre kubanische Staatsbürgerschaft zu verlieren, aufgrund der bisher gültigen Beschränkungen hatte diese Maßnahme jedoch kaum Auswirkungen.
  • US-Amerikaner dürfen ab sofort kubanische Produkte in Drittländern konsumieren, der Konsum innerhalb Kubas bleibt jedoch beschränkt während innerhalb der Vereinigten Staaten noch immer strenge Importrichtlinien gelten.
  • Zudem wurde vor wenigen Tagen der direkte Postverkehr zwischen beiden Ländern wieder aufgenommen sowie ein Abkommen über die Sicherheit der Marinegrenzen unterzeichnet.

Kubas Außenminister Bruno Rodríguez begrüßte die Schritte am Donnerstag in einer Pressekonferenz im Vorfeld des zweitägigen Staatsbesuchs. „Man kann zweifellos feststellen, dass es positive Maßnahmen sind, die in die richtige Richtung gehen, aber die praktische Anwendung wird zeigen, wie tief sie wirklich reichen.“ Dabei bekräftigte der Minister, dass die bisherigen Schritte keineswegs einer Aufhebung der Blockade gleichkämen. Noch immer dürfen kubanische Firmen nicht frei in die USA exportieren und touristische Reisen bleiben für US-Amerikaner noch immer illegal.

„Auch mit der neuen Maßnahme sind die US-Bürger weiterhin verpflichtet, die Aufzeichnung aller Kosten und all ihrer Aktivitäten aufzubewahren und man stellt die ungewöhnliche Forderung an sie, dass sie die ganze Zeit ihres Besuchs in Kuba nicht damit verbringen, den offenen Kontakt mit den Kubanern oder die Schönheiten Kubas zu genießen, sondern, so heißt es in der Regierungsentscheidung ausdrücklich, ‚die Unabhängigkeit der Kubaner zu fördern'“, so Rodríguez.

Kuba hingegen kündigte an, die 10-Prozentige Steuer auf den US-Dollar zu erlassen, die seit dem Jahr 2004 erhoben wird. Dennoch traut man in Havanna den neuen Maßnahmen noch nicht ganz. „In den nächsten Tagen werden wir versuchen, Transfers in Dollar mit Bankinstituten in Drittländern und in den Vereinigten Staaten selbst durchzuführen, um zu überprüfen, ob diese Transaktionen wirklich möglich sind“, sagte Rodríguez vor Pressevertretern. Und weiter: „Ich muss hinzufügen, dass, erst nachdem durch die internationale Bankverbindung unserer Banken bestätigt worden ist, dass die Nutzung des US-Dollars bei unseren Operationen möglich ist und diese Operationen völlig normal durchgeführt werden können, der Beschluss zur Aufhebung der Steuer in Kraft tritt. Solange es finanzielle Verfolgung gibt, so lange wird es diese Steuer geben; wenn diese tatsächlich beendet wird, wird auch die Steuer aufgehoben.“

Es bleibt noch viel zu tun im schwierigen Verhältnis zwischen den USA und Kuba. Mit seinem Besuch auf der Insel hat Barack Obama jedoch die einmalige Chance, 15 Monate nach Beginn der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ein neues Kapitel US-Kubanischer Geschichte zu eröffnen. Kubas Regierung hat ihre Bereitschaft zum Dialog mehrfach bekräftigt, dabei jedoch klar gestellt, dass sie sich jede Einmischung in innere Angelegenheiten verbittet.