Drei Monate nach Matthew – Ostkuba im Aufbaumodus

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Zeichen des Wiederaufbaus: Der Río Toa, welcher Baracoa von der Nachbarprovinz Holguín trennt, ist wieder auf dem Landweg querbar (Quelle: Granma)

Drei Monate nachdem Hurrikan „Matthew“ den Ostzipfel der Insel in der Provinz Guantánamo verwüstet hat, zog man auf Kubas Bilanz über das genaue Ausmaß der Schäden und den Stand des Wiederaufbaus. Während vieles in den betroffenen Gebieten bereits repariert werden konnten, klaffen an anderer Stelle noch Lücken. Mit der Eröffnung der provisorischen Landbrücke über den Río Toa Mitte Dezember wurde jedoch ein wichtiges Etappenziel erreicht.

Über 70 Prozent der Wohngebäude beschädigt oder zerstört

Nachdem „Matthew“ in der Nacht des 4. Oktober im östlichsten Zipfel Kubas auf Land traf, verwüstete der Hurrikan die Gemeinden Baracoa, Maisí, San Antonio del Sur und Yateras mit voller Wucht. Sie alle sind Teil der östlichen Provinz Guantánamo. Die Nachbarprovinzen Holguín und Santiago kamen diesmal glimpflich davon. Eine Woche nach dem Sturm stattete Präsident Raúl Castro den Gemeinden einen Besuch ab. Rund drei Monate später besucht Kubas erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel die Gegend. In diesen Tagen wurden dann erstmals neue Zahlen zum Wiederaufbau gemeldet.

So sind in den fünf betroffenen Ortschaften insgesamt 42.338 Gebäude beschädigt worden, 72 Prozent aller Wohneinheiten sind betroffen. Von den beschädigten Gebäuden wurden 8.413 als Totalverluste gemeldet, 6.552 gelten als teilweise zerstört. 27.373 Gebäude verloren ihr Dach teilweise oder ganz. Bis Ende Dezember konnten allerdings bereits 54 Prozent der Häuser wieder aufgebaut werden. Neben 19.451 reparierten Wohngebäuden wurden rund 2.000 neue errichtet. Von den 2.168 beschädigten staatlichen Einrichtungen (Schulen, Krankenhäuser, Büros, etc.)  sind bereits 1.993 wieder aufgebaut.

Subventionen, Kredite, Plattenbauten

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Kubas Erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel (2.v.r.) besucht die betroffenen Regionen in Guantánamo (Quelle: Cubasi)

Um neuen Wohnraum für die Hurrikanopfer zu schaffen sind in der Umgebung von Baracoa über 100 neue Wohnanlagen in Großblockbauweise geplant, die meisten mit vier oder fünf Stockwerken. Sie werden derzeit in den Stadtteilen Hoyos de Sabanilla, dem Barrio Bohorque, La Bacanera, Van Van, El Turey und dem Viertel La Alegría errichtet.

Der Wiederaufbau der meisten Häuser erfolgt nicht zuletzt durch die Eigeninitiative der Bevölkerung. Der Staat stellt in vielen Fällen die Baumaterialien zu günstigen Konditionen bereit. Insgesamt wurden für diesen Zweck 6.631 Kredite im Wert von 32 Mio. CUP ausgegeben. Gleichzeitig wurden 1.092 Subventionen im Wert von 47,6 Mio. Pesos bewilligt.

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Die Wiederherstellung von Strom-, Telefon- und Internet gehörte zu den ersten Aufgaben nach dem Hurrikan (Quelle: Granma)

In den ersten Tagen nach dem Sturm erschwerten vor allem der Zusammenbruch der Stromversorgung den Anwohnern den Alltag. Insgesamt wurde die Stromversorgung von 51.517 Kunden unterbrochen, allerdings konnten alle Anschlüsse innerhalb von 20 Tagen wieder versorgt werden.

Ähnlich schnell ging die Wiederherstellung der Internet- und Mobilfunkversorgung. Es kam zu Schäden im Glasfaserkabel auf einer Länge von 21 Kilometern, rund 66 Kilometer Kupferleitungen wurden stellenweise unterbrochen. Neben der Wiederherstellung der Leitungen wurde auch eine neue Satellitenverbindung zwischen Guantánamo, Maisí, Baracoa und anderen Städten der Region aufgebaut die in Zukunft helfen soll, falls die Glasfaserleitung wieder ausfällt. Neue Sendemasten in Los Guineos, Nibujon (Baracoa) und Sierra Verde (Maisí) sollen den Mobilfunkempfang verbessern und versorgen die Region erstmals mit Digitalfernsehen.

Der Río Toa, wieder ohne Fähre passierbar

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Miniindustrien sollen helfen, vor Ort für die Produktion von Baumaterialien zu sorgen (Quelle: Granma)

Probleme gibt es weiterhin bei den Straßen. Die Strecken Los Calderos-Explanada de Duaba (Gemeinde Imías) sowie Alto de La Zona-Viento Frío (San Antonio del Sur) sind noch immer nicht befahrbar. Dafür ist der Fluss Toa auf der Strecke zwischen Baracoa und Moa erstmals seit Oktober wieder auf dem Landweg querbar. Ende Dezember wurde eine provisorische Zementkonstruktion einige hundert Meter Stromabwärts von der zerstörten Brücke eröffnet. Damit ist die Verbindung zur Nachbarprovinz Holguín wiederhergestellt. In den Monaten zuvor war der Fluss lediglich mittels einer Fähre passierbar.

Auf den Streckenabschnitten Neblina-Cayo Güín und Yumurí-Jobo Claro werden derzeit neue Straßen errichtet, die Vía Mulata wird zwischen Paso del Toa und Neblina asphaltiert. Ziel ist es, die Gemeinden Baracoa und Maisí wieder besser miteinander zu verbinden und den gefährlichen Bergpass La Boruga zu vermeiden.

Um den Wiederaufbau zu beschleunigen wurden in den betroffenen Gemeinden über 30 „Mini-Fabriken“ aufgebaut. Dabei handelt es sich um kleine Anlagen, die zeitweise zur lokalen Produktion von Brot, Asphalt, Zement und anderen Baumaterialien beitragen bis die beschädigte Industrie wieder in Schwung kommt. Probleme gibt es nämlich noch genug. Noch immer leben viele Menschen in Notunterkünften und von den 70.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche die vom Sturm beschädigt wurden, konnten nur 12.000 gerettet werden.

Insgesamt scheint der Wiederaufbau in den fünf betroffenen Gemeinden jedoch den Umständen entsprechend gut zu funktionieren. Bereits jetzt sind alle Orte wieder auf dem Landweg erschlossen und dank Strom und Mobilfunk mit dem Rest des Landes verbunden. Das beliebte Reiseziel Baracoa empfängt unlängst wieder Touristen. Nicht zuletzt auch Dank der Hilfen aus Ecuador, Venezuela und der Vereinten Nationen konnte Kuba abermals sein bewährtes Krisen- und Aufbaumanagement bei Naturkatastrophen unter Beweis stellen.

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Havanna feiert 495-jähriges Bestehen

Zwei markante Gebäude Havannas befinden sich in den Händen der Restaurateure

Zwei markante Gebäude der Stadt befinden sich augenblicklich in den Händen der Restaurateure: Das Revolutionsmuseum (links) und das Kapitol der kubanischen Hauptstadt (Quelle: Radiorebelde)

Am 16. November feierte die kubanische Hauptstadt Havanna ihr 495-jähriges Bestehen. Die Stadt wurde im Jahr 1519 auf Geheiß der spanischen Krone als San Cristóbal de la Habana gegründet und ist eine der ältesten Kolonien in der Neuen Welt. Mit über zwei Millionen Einwohner ist Havanna heute die größte Metropole der Karibik. Zum Jubiläum gab der Stadthistoriker Eusebio Leal einen Überblick über geplantes und bereits erreichtes bei der umfangreichen Restaurierung der Altstadt.

Sanierung in Zeiten knapper Kassen

Seit 1982 ist die historische Altstadt La Habana Vieja anerkanntes UNESCO-Weltkulturerbe. Zwar leben hier nur knapp 90.000 Habaneros, wie sich die Einwohner der Stadt selbst nennen, doch zählt die Altstadt mit ihren barocken und neoklassizistischen Bauten zu den besterhaltendsten Kolonialstädten Amerikas. In den 1950er Jahren plante der Diktator Fulgencio Batista noch den kompletten Abriss des Viertels, was durch die Revolution verhindert wurde.

Nach dem Sieg der Revolution konzentrierte sich die Politik zunächst auf die Entwicklung des ländlichen Kubas. Das Übergewicht Havannas wurde zugunsten regionaler Entwicklungsprogramme reduziert, die Lebensverhältnisse haben sich in den verschiedenen Provinzen langsam angeglichen. In der Folge wurde allerdings die Restauration des kolonialen Erbes vernachlässigt. Eine Situation, die sich erst mit der Öffnung zum Tourismus Ende der 1980er Jahre langsam zu ändern begann.

Im Jahr 1994 schließlich wurde der Historiker Eusebio Leal Spengler beauftragt, die umfangreiche Restaurierung der Hauptstadt zu koordinieren. Diese sollte sich in Zeiten knapper Kassen vor allem durch Einnahmen aus dem Tourismus refinanzieren. Mit einem Startkapital von einer Million US-Dollar hat die staatliche Firma Habanaguex vor zwanzig Jahren damit begonnen, koloniale Prachtbauten in Hotels, Gaststätten und Museen zu verwandeln.

Tourismus und sozialer Wohnungsbau

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Teatro Martí nach der Sanierung (Quelle: Cubanet.org)

Mittlerweile ist der Tourismussektor der Hauptstadt mehrere hundert Millionen Dollar schwer, mit steigender Tendenz. Knapp die Hälfte der drei Millionen Touristen, die jedes Jahr in Kuba zu Gast sind, statten der Hauptstadt einen Besuch ab. Deren Hotelsektor zählt mittlerweile 60 Einrichtungen mit über 13.000 Unterkünften. Dadurch können jedes Jahr ca. 8 Millionen US$ durch Habanaguex in Restaurationsarbeiten investiert werden. Insgesamt flossen letztes Jahr 2,4 Milliarden US$ in die Wirtschaft der kubanischen Hauptstadt, knapp die Hälfte aller staatlichen Investitionen.

Eine wichtige Rolle bei der Sanierung Havannas spielt die Berücksichtigung des sozialen Aspekts. So werden die Einwohner der Altstadt während der Restauration zeitweise umgesiedelt, dürfen danach allerdings kostenlose wieder in ihre frisch hergerichteten Wohnungen zurückkehren. Auch sozialer Wohnungsbau und öffentliche Kultureinrichtungen werden vom Unternehmen des Stadthistorikers kofinanziert und sollen der Gentrifizierung entgegenwirken. Auf diese Weise konnten hunderte vom Verfall bedrohte Wohnhäuser der Kolonialära gerettet werden.

Anlässlich des Jubiläums trat der deutschstämmige Eusebio Leal jüngst vor die kubanischen Medien, um Auskunft über den Stand der Arbeiten zu geben. „Ich bin froh, dass wir heute nicht das 500. Jubiläum feiern, sondern das 495.“, sagte Leal. Für das nächste Jubiläum 2019 müsse ein „wackerer Aufwand für Havanna betrieben werden, der sich nicht auf das Streichen von Fassaden beschränkt“, so Leal. Bereits 2015 sollen 21 neue Projekte realisiert werden.

Zu den bedeutendsten Vorhaben die dieses Jahr fertiggestellt wurden zählt die Wiedereröffnung des seit 1977 geschlossenen Teatro Martí. Auch die Sanierung eines alten Warenhauses im Hafenviertel, das in eine Bierbrauerei umfunktioniert wurde sowie die Neueröffnung der legendären Slappy Joe’s Bar wurden in diesem Jahr bewältigt. Zahlreiche historische Cafés, Museen und Wohngebäude wurden 2014 restauriert, ebenso das zentrale Reiterdenkmal für Calixto García.

Das Hafenviertel rückt in den Fokus

Im kommenden Jahr soll die Generalüberholung der Stromleitungen und der Kanalisation der Altstadt abgeschlossen werden, deren Baufortschritt derzeit bei 55 Prozent liegt. Gleichzeitig werden Glasfaserleitungen verlegt, um die Kolonialstadt fit für die Zukunft zu machen. Doch der Stadthistoriker will sich nicht auf La Habana Vieja beschränken, sondern für das 500-jährige Jubiläum auch den neueren Stadtteilen ihre alte Schönheit zurückgeben.

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Neue Brauerei im Hafenviertel Havannas (Quelle: Thecubanhistory)

Für die nächsten Jahre ist ein umfangreiches Programm zur Aufwertung des Hafenviertels angesetzt. Durch die Eröffnung des Containerports von Mariel, 45 Kilometer westlich der Hauptstadt, soll der gesamte Frachtverkehr der Hauptstadt schrittweise auf den neuen Port verlagert werden. So verliert der Hafen von Havanna nach vielen Jahrhunderten seine ursprüngliche Funktion, mit der er die Entwicklung der Stadt maßgeblich prägte.

Für die Bewohner dürfte das kein Grund für nostalgische Gefühle sein, denn der rege Schiffsverkehr verschlechtert die Wasser- und Luftqualität in der Hafengegend nicht unerheblich. Durch die Stillegung des Hafens wird so eine touristische Umnutzung des gesamten Stadtteils erst möglich. Hierzu soll die Uferpromenade Avenida del Puerto stellenweise ausgebaut werden, beim historischen Zollgebäude wird derzeit ein begehbarer Mittelstreifen zur Fahrbahntrennung integriert.

Ebenfalls in Arbeit ist die Restaurierung der Kaimauer San Francisco, die Erneuerung des Kreuzfahrtterminals Sierra Maestra, sowie die Sanierung des historischen Bürogebäudes Hines. Der Plan reicht zeitlich bis ins Jahr 2017 und sieht Investitionen in Höhe von 50 Millionen US$ vor. Nach 2017 soll die Kaimauer von La Coubre restauriert und ein Hafen für touristischen Schiffs- und Yachtverkehr errichtet werden. Entlang der Uferpromenade sollen zahlreiche alte Lagerhäuser in Restaurants, Geschäfte und Kulturzentren umgewandelt werden.

Die Hauptstadt der Zukunft

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Bauarbeiten im Hafenviertel (Quelle: wunitv.com)

In den kommenden Jahren soll sich Havanna im Südosten stärker dem Meer öffnen, was in Zukunft auch durch den Rückbau von Industrieanlagen bzw. deren Verlagerung in die Sonderwirtschaftszone von Mariel begünstigt werden könnte. So plant das Büro des Stadthistorikers auf lange Sicht einen neuen Malecón am südlichen Teil der Bucht zu errichten. Mit neuen Wohnanlagen soll sich der Stadtteil eigenständig entwickeln und durch ein dichteres Busliniennetz mit einem aufgewerteten Stadtzentrum verbunden werden.

Auch im Zentrum, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert errichtet wurde, laufen die Arbeiten derzeit auf Hochtouren. Vor wenigen Monaten wurde dort das aus Mafiazeiten bekannte Hotel Capri im Stil der 30er Jahre wiedereröffnet. Bis 2018 soll die Restauration des Kapitols abgeschlossen sein. Das Nationaltheater und das Gebäude des Revolutionsmuseums befinden sich derzeit in der Endphase ihrer Sanierung. In letzter Zeit rücken auch Themen wie Schul- und Krankenhaussanierungen sowie der soziale Wohnungsbau in den Vordergrund.

In Kuba wird auf lange Sicht geplant, das gilt auch für die Hauptstadt. Parallel zur Erarbeitung des Perspektivplans für das Jahr 2030 hat auch das Büro des Stadthistorikers seine Vision für das künftige Havanna beschrieben: Eine Stadt der Forschung, des geistigen Kapitals und der Kreativwirtschaft. Gleichzeitig soll Havanna eine regierbare, demokratische, dezentralisierte und wohnliche Stadt sein, die kommunale Dienstleistungen wie ÖPNV von hoher Qualität anbieten kann.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg für Havanna, wo die Probleme der Sonderperiode wie Wohnungsnot und das schlecht funktionierende Verkehrssystem erst noch bewältigt werden müssen. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist allerdings die touristische Erschließung und Sanierung, mit deren Hilfe Schritt für Schritt die notwendigen Investitionsgelder gesammelt werden können. In den letzten Jahren wurde so bereits viel erreicht. Die enthusiastischen Pläne von Eusebio Leal lassen hoffen, dass bis zum großen Jubiläum im Jahr 2019 zumindest ein Teil des neuen Havannas bereits Wirklichkeit ist.

Neue Reform für Havannas ÖPNV-Problem

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Seit einigen Jahren zählen auch moderne chineische Busse zur ÖPNV-Flotte der kubanischen Hauptstadt (Quelle: Greenparty)

Dass Kubas Hauptstadt ein Transportproblem hat, ist nicht neu. Im letzten Jahr konnte der Transportplan nur zu 77 Prozent erfüllt werden, es mangelt an Kapazitäten für über 220.000 Passagiere. Entsprechend überfüllt sind die Busse der kubanischen Hauptstadt, viele Linien werden seit der Sonderperiode nur noch unregelmäßig oder gar nicht mehr befahren. Zwar konnte die Situation durch den Import zahlreicher chinesischer Yutong-Busse ab 2008 ein wenig gemildert werden, dennoch herrscht heute beim öffentlichen Verkehr in Havanna, wie auch im Rest des Landes, Unterkapazität.

Viele Busse sind in schlechtem technischen Zustand und fallen oft wegen Wartung aus. Der Fahrpreis von einem Peso Nacional wird oft gar nicht erst entrichtet, da die Fahrer ohnehin keine Kontrollen durchführen können. So hat Havannas Busflotte alle Mühe, die  knapp eine Millionen Passagiere jeden Tag zu befördern. Um die Situation nachhaltig zu ändern, wurde bereits letztes Jahr ein neues Management-Modell in den staatlichen Transportunternehmen angekündigt. Ab Oktober soll das Projekt in die Pilotphase gehen, berichtete Radio Relde.

Die Busfahrer dürfen dann einen Kassierer beschäftigen, der für die ordnungsgemäße Bezahlung sorgt. Im Gegenzug müssen 10 Prozent der Tageseinnahmen direkt an das Busunternehmen abgegeben werden. Der Rest bleibt als Lohn. Die Busfahrer erhalten so einen semi-autonomen Status: Sie müssen selbst für ihr Einkomen sorgen, sind aber weiterhin beim staatlichen Mutterkonzern beschäftigt. Dieser soll durch die gesunkenen Personalkosten Investitionsmittel für neue Fahrzeuge und Erstzteile erwirtschaften.

In diesem Jahr wurde die Busflotte der Hauptstadt bereits um etwa 10-15 Einheiten auf 560 Fahrzeuge aufgestockt. Über 100 Busse sollen noch 2014 einer Generalüberholung unterzogen werden, bisher wurden 47 davon fertiggestellt. Vor der Sonderperiode zählte die Hauptstadt um die tausend Omnibusse. Um die notwendigen größeren Investitionen zu tätigen, bräuchten Kubas Transportunternehmer allerdings deutlich mehr Mittel.

Das neue Modell kann langfristig zu einem besseren ÖPNV beitragen. Bisher ist seine Reichweite allerdings allerdongs noch bei weitem zu gering. Wie jede Reform in Kuba wird auch diese zuerst in sehr kleinem Maßstab geprüft, ehe sie auf das ganze Land übertragen wird. Je nach Erfolg kann sich dieser Vorgang teilweise über mehrere Jahre hinziehen und über den Zwischenschritt der Provinzebene erfolgen. Auf die schnelle werden Havannas Transportprobleme also nicht zu lösen ein. Ab Oktober startet jedoch immerhin ein vielversprechender Ansatz, von dem man sicher hören wird.

Kuba modernisiert seine Kfz-Kennzeichen

Ab dem 27. Mai werden in Kuba neue Nummernschilder für Kraftfahrzeuge ausgegeben, welche die bisher gebräuchlichen Kennzeichen schrittweise ersetzen werden. Die rechtlichen Grundlagen hierfür wurden in einem Gesetzesblatt vom 24. April veröffentlicht und vor kurzem in den kubanischen Medien näher erläutert. Kuba nimmt damit erstmals seit 2002 wieder Änderungen am bestehenden System der Kennzeichen vor, die jedoch dieses einer grundlegenden Erneuerung gleichkommen. Doch zunächst lohnt sich ein kurzer Blick auf die Geschichte und Funktion des charakterischen kubanischen Kennzeichensystems.

Amerikanische Traditionen im Sozialismus

Das erste Automobil wurde im Jahr 1898 nach Kuba eingeführt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie jedoch noch wenig verbreitet und meist im Besitz der Elite. Obwohl zunächst europäische Modelle dominierten, eröffnete Ford bereits 1916 ein inselweites Vertriebsnetz. In Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs („Zuckerboom“ 1920) und der engen Verflechtung mit den USA erhöhte sich die Anzahl amerikanischer Marken rasch, diese dominierten noch lange nach dem Sieg der Revolution das Straßenbild. Im Jahr 1941 betrug die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in Kuba etwa 30.000, im Jahr 1952 waren es bereits 77.000. Im Jahr 1957 wurde sogar ein neues Chevrolet-Modell in Havanna vorgestellt, zwei Jahre später fuhren auf der Insel bereits 200.000 Autos. Der politisch-ökonomische Einfluss der Vereinigten Staaten brachte für Kuba auch das amerikanische System der Typisierung mit sich, die klassischen Nummernschilder mit Maßen von etwa 300x160mm sind in Kuba deswegen die Regel.

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Kubanische Kennzeichen vor der Revolution. (Quelle: License Plates of the World)

Nach der Revolution verhinderte das US-Embargo die Einfuhr weiterer amerikanischer Fahrzeuge, weshalb seitdem vor allem russische Marken wie der bis heute omnipräsente Lada importiert wurden. In jüngster Zeit sieht man zunehmend europäische Kleinwagen sowie chinesische Modelle auf den Straßen. Heute wird die Zahl der verbliebenen amerikanischen Oldtimer auf 40.000 bis 60.000 geschätzt, während der Gesamtbestand aller Fahrzeuge ca. 400.000 beträgt. Das Kennzeichensystem wurde nach der Revolution zunächst kaum verändert, allerdings hat man den vorher stetig wechselnden Farben eine Bedeutung zugewiesen und eine eindeutige farbliche Trennung von Privatfahrzeugen (gelb) und staatlichen Fahrzeugen (blau) geschaffen. Daneben gab es eine Reihe von Sonderkennzeichen in verschiedenen Farben, beispielsweise für Diplomaten und Militärfahrzeuge.

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(Noch) aktuelle kubanische Kennzeichen, eingeführt 2002 (Quelle: Ebd.).

Im Jahr 2002 wurde das Kennzeichensystem weiter differenziert, an dem seit den 1950er Jahren bestehenden Design der Schilder änderte sich kaum etwas. In diesem System steht der erste Buchstabe des Kennzeichens für die Provinz in der das Fahrzeug registriert ist, der zweite gibt genauere Auskunft über den Halter (z.B. A für Regierungsfahrzeuge, D-H für Privatfahrzeuge, K für Fahrzeuge ausländischer Halter, etc.). Hierbei wird ebenfalls nach staatlich (blaues Kennzeichen) und privat (gelbes Kennzeichen) differenziert und es gibt weiterhin eine Reihe von Sonderfarben, z.B. Hellgrün für die Streitkräfte, Dunkelgrün für das Innenministerium, schwarz für Diplomaten, dunkelrot für Touristen. Die Erhaltung dieses Schilderwaldes, der insgesamt aus elf verschiedenfarbigen Typen besteht, kostet den kubanischen Staat jedes Jahr eine nicht unbeträchtliche Summe: Für Adressänderungen, Verluste und Neuausstellung von Nummernschildern werden pro Jahr etwa 200.000€ fällig.

Internationale Standards und Einheitlichkeit

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Neue Kennzeichen ab dem 27. Mai (Quelle: Cubadebate).

Mit den jetzt neu eingeführten Kennzeichen soll nun grundlegend aufgeräumt werden. Der bürokratische Aufwand des derzeitigen Systems muss immens sein, da die Kennzeichen allesamt Sonderanfertigungen der deutschen Firma UTSCH sind, die eine Mindestabnahmemenge von 5.000 Stück pro Farbe verlangt – was vom kubanischen Staat einen enormen finanziellen und verwaltungstechnischen Kraftakt verlangt, um auch von den selten benötigten Kennzeichen (z.B. für Diplomaten) in jeder Provinz genügend Vorräte auf Lager zu haben.  Auch die Ummeldung von Fahrzeugen auf eine neue Provinz war bisher mit großem bürokratischem Aufwand verbunden, da das jedes Mal ein neues Kennzeichen erforderlich machte. Juventud Rebelde vergleicht diesen Aufwand mit der Neuausstellung eines verlorenen Personalausweises.

Mit den neuen Kennzeichen setzt Kuba nun als eines der ersten Länder Lateinamerikas auf das gebräuchliche europäische System, mit Maßen von 420x120mm für Autos bzw. 200x140mm für Motorräder. Die Schilder werden zudem im aus Deutschland bekannten Verfahren standardisiert gepresst und mit einer Laserimprägnierung versehen, um Fälschungen vorzubeugen. Wie bei uns, kommt die in den 1970er Jahren entwickelte FE-Schrift zum Einsatz – damit sehen die kubanischen Kennzeichen den deutschen ähnlicher, als die so manches EU-Landes. Während die staatlichen Fahrzeuge in Zukunft einen blauen Rand an der linken Seite erhalten, bleibt dieser bei den Privatfahrzeugen einfach weiß.
Offizielle Fahrzeuge werden auch in Zukunft den Buchstaben A am Beginn ihres Kennzeichens stehen haben, die Buchstaben C, D und E sind für Diplomaten reserviert. T steht weiterhin für „Tourist“ und K bleibt für ausländische Unternehmer reserviert, F und M stehen für Armee bzw. Innenministerium. Die restlichen Buchstaben haben keine spezifische Bedeutung, wobei an Privatpersonen bevorzugt der Buchstabe P vergeben werden wird. Ausländische Journalisten werden eine Plakette mit dem Text „PEXT“ (Prensa Extranjera, span.: ausländische Presse) auf Kennzeichen finden, Diplomaten das Wort „PROTOCOLO“. Die Buchstaben I, O, Q, W, S und Z finden aus Gründen der Verwechslung keine Verwendung.

Durch den Wegfall der Provinzangabe sowie durch die Digitalisierung des gesamten Systems, soll der bürokratische und finanzielle Aufwand verringert werden, zudem entstehen durch die Angleichung an internationale Standards geringere Produktionskosten. Bei der Ummeldung eines Fahrzeugs muss künftig kein neues Kennzeichen mehr ausgestellt werden, dadurch wird dieser Prozess für den Halter künftig kostenlos. Zudem sind die neuen Schilder besser an die Halterungen der meisten Fahrzeuge angepasst und leichter lesbar. Nicht zuletzt wird die Überprüfung von Fahrzeugen durch die eindeutige Zuordnung des Kennzeichens zur Person erleichtert. Die Umstellung soll innerhalb von drei Jahren erfolgen: Bis Januar 2015 sollen alle Privatfahrzeuge die neuen Kennzeichen tragen, bis Dezember 2015 alle staatlichen Einheiten mit blauem Kennzeichen, und bis Mai 2016 die restlichen Fahrzeuge.

In den kubanischen Medien wurde der Prozess letztens genau erklärt, wobei viele Fragen der Bevölkerung zum Prozedere aufgegriffen wurden. Insgesamt werden 41 Zentren im Land die Umstellung leisten, nebenbei wurden viele Formalia für die An- und Ummeldung von Fahrzeugen erleichtert, was den kubanischen Autobesitzern entgegenkommen dürfte. Der Preis für die Umrüstung beträgt 30 Peso (1,20€) für Privatpersonen und 40 Peso (1,60€) für Unternehmen. Mit dem neuen System der Kennzeichen hat sich Kuba damit nicht nur eines kostspieligen Anachronismus entledigt, sondern gleichzeitig ein System geschaffen, welches modernsten internationalen Standards genügt (man beachte: Die Kennzeichen ähneln nicht nur zufällig den unsrigen sondern stehen diesen technisch in nichts nach). So wird nun ab Ende Mai Schritt für Schritt ein Überbleibsel des amerikanischen Erbes über Bord geworfen, welches das kubanische Straßenbild über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg geprägt hat.